Selten kommt es vor, dass sich meine Texte reimen. Bei den Vorüberlegungen für diesen Blogbeitrag stieß ich auf ein gereimtes Gedicht mit Herbstanmutung, das ich vor einigen Jahren schon schrieb und nun einmal wage zu veröffentlichen. Die Lust auf Wohlklang und Harmonie treibt das Reimen an vermutlich – und auch die Lust am Rhythmus, wie sie sich zum Beispiel im Poetry Slam auf interessante und überraschende Weise zeigt. Gleichzeitig kann da viel schiefgehen, wenn die Reime zu plump daherkommen und der Rhythmus zu einfältig ist. „Reimer und Dichter haben die dümmsten Gesichter“ heißt es ja nicht von ungefähr, „Reim dich oder ich fress dich“ geht in die gleiche Richtung.
Auf der anderen Seite lassen sich gereimte „Informationen“ besser im Gedächtnis behalten, womit wir bei den sogenannten Eselsbrücken wären. Wer erinnert sich aus Schulzeiten noch an „333 bei Issos Keilerei“ oder an den Merksatz aus dem Chemieunterricht: „Zuerst das Wasser, dann die Säure, sonst geschieht das Ungeheure“?
So ist es das Schöne an der Sprache, dass sie sich gestalten lässt und unzählige Möglichkeiten bereithält, sich oder etwas auszudrücken – ob nun gereimt oder nicht. Bei der heutigen lyrischen Kostprobe habe ich eine Zeile des Dramatikers und Übersetzers Johannes Schlaf (1862–1941) als „Schreibanlass“ gewählt: „Wie leise die Minuten zieh’n“, das wollte ich für mich ergründen und sehen, wohin diese ziehenden Minuten mich führen. Noch dazu überfiel mich der Impuls, dem einfachen abab-Reimschema (Kreuzreim) zu folgen.
Übrigens kann es immer eine gute Idee sein, wenn die Schreiblust sich meldet, doch es gerade an der zündenden Idee für ein Thema mangelt: sich ein Buch aus dem Regal zu greifen und eine beliebige Seite aufzuschlagen, auf der sich bestimmt ein Wort findet, das ins Auge sticht – oder eben eine Gedichtzeile zum Ausgangspunkt (oder zum Mittel- oder Endpunkt) für das eigene Schreiben zu nehmen. Es ist auch erlaubt, bei der Nachbarin zu klingeln und statt nach einem Becher Sahne nach einem Wort zu fragen. Als Dankeschön gibt’s dann später das Gedicht oder eine kleine Abhandlung mit Schleifchen. So können wir auch schreibend das Miteinander fördern.
Aller Anfang ist a.
Oktoberreigen
Wie leise die Minuten zieh’n
an dieses Herbstes Morgen
Wie rot die Ebereschen glüh’n
will mir die Farbe borgen
Wie leise die Minuten zieh’n
blick ich auf kahle Felder
Wie würdig Fliegenpilze steh’n
im matten Glanz der Wälder
Wie leise dieser Herbst auch zieht
vorbei an meinem Fenster
Wie selig es doch in mir blüht
ich sehe Rosen statt Gespenster

