„Schreiben ist Handeln“, konstatiert Siri Hustvedt zum Ende ihres Buches „Ghost Stories“ (Rowohlt 2026, S. 389). Nun ist sie Schriftstellerin und Essayistin, also ist das Schreiben ihr täglich Brot. Und doch hat mich diese Feststellung in besonderer Weise berührt. Schreiben ist die Möglichkeit, mit einer existenziellen Erfahrung (hier der Trauer) umzugehen, aus der Sprachlosigkeit des Entsetzens, des Nichtglaubenwollens, Nichtfassenkönnens herauszutreten und ins Handeln zu kommen. In diesem Sinne ist Schreiben eine Form von „Selbstwirksamkeit“, um einmal dieses viel zitierte Wort zu bemühen. Ich kann das Erlebte nicht ungeschehen machen, aber ich kann es schreibend für mich verändern, kann es kneten und walken und streicheln und gegen die Wand werfen. In diesem Tun wird es für mich handhabbarer, aushaltbarer und womöglich ein wenig darüber hinaus – denn mit Glück gelingt vielleicht sogar eine neue Perspektive.
Schreiben ist Handeln. In eigenen Trauerprozessen habe ich das erlebt und es zum Teil als Gnade empfunden, schreiben zu können, Worte zu finden, die meine Wahrheit ausdrücken, in denen ich mir meiner selbst gewiss bin und die mich trösten. Handeln kann dann auch sein, hundert Mal das Wort „Trauer“ zu schreiben und zu spüren, was sich verändert, wie ein Muster entsteht, welche Bilder es birgt: „au“ und „rau“ und „Tau“.
Au, sagt mein Herz / so rau ist das Leben / kühlend legt sich Tau / auf meine geschundene Seele
Schon ist ein kleiner Vierzeiler entstanden, der auf einfache Weise ein Gefühl ausdrückt und den Wunsch nach Trost und Zuversicht.
Schreiben ist Handeln. Schreiben ist Veränderung. Auch Trauer ist nicht statisch, sondern wandelt sich, wie sich der trauernde Mensch mit ihr wandelt. Jeder Tag will neu gelebt sein – gerade in Trauerphasen ist das kein leichtes Unterfangen. Siri Hustvedt legt in ihrem Buch Zeugnis davon ab. Deshalb möchte ich diesen Beitrag schließen mit einem weiteren Zitat von ihr über das Schreiben (ebd., S. 310): „Man schreibt nicht darüber, was man schon weiß, sondern darüber, was zu wissen man herausfindet, sobald man es geschrieben hat.“
Trost-Ich.
Du
In der Landschaft deiner Hände
in deinen Lebenslinien spazieren gehen
durchs Tal in die Berge
zum höchsten Aussichtspunkt
schaust du über den Hautrand
den Fingerkuppenrand
in die Ferne
wo andere Hände sind
andere Täler und Berge
und Seen aus Regen und Tränen
Die Sonne geht auf über den Kuppen
und deine Finger spielen wie Puppen
miteinander
ehe sie sich igelgleich ballen
zur Faust

