Wortwörtlich

Mit der Sprache zu leben, birgt Überraschungen zuweilen. Da gibt es Wörter, die ich höchstens ein- bis zweimal im Jahr verwende wie Akazienallee oder Vanillepuddingpulver. Dann gibt es andere, die spielen sich unvermittelt in den Vordergrund, wollen einmal besonders – sozusagen wortwörtlich – beachtet werden, ungeachtet dessen, dass wir schon des Öfteren das Vergnügen miteinander hatten: Kaleidoskop zum Beispiel oder Pusteblume.

Purzelbäumen war ich schon länger nicht mehr begegnet – aber neulich traf ich einen und er war recht redselig, obwohl das Wetter so schlecht war …

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Roses are red … 2017

Letzten Endes

Purzelblumen, Purzelbäume.
Rolle rückwärts in den Himmel,
der heute grau und
nass und unwirtlich.

Endlos fällt der Regen,
fällt und fällt.
Suche Schutz im
eigenen Gemäuer,
wo noch die letzte
Sommerrose steht,
das Wasser beginnt
schon zu bräunen.

Du sammelst die
Blütenblätter, lässt
sie trocknen, betrachtest
ihre zunehmende Zerknitterung,
die dir eine Geschichte
erzählt von vermeintlicher
Vergeblichkeit und letzter
Dürre.

Eine Mutter ist gestorben,
sie hatte noch Zeit, den
Schmuck an die Töchter zu
verteilen und den Sperrmüll
zu bestellen, am Ende drängte es.

Spürt die Rose ihren Verfall?
Da ist noch Wasser in der Vase,
doch die Blätter werden trotzdem
braun. Sie verweigert die Nahrung,
wie auch die Mutter schlussendlich
nicht mehr aß.

Purzelblumen, Purzelbäume.
Rolle vorwärts in den Himmel.

30 Grad Celsius plus x

Wir erleben gerade die sogenannten Hundstage, die heißesten Tage des Jahres. Und tatsächlich verspüren derzeit nicht mal die Hunde große Lust, sich zu bewegen. Wobei der Name „Hundstage“ zurückgeht auf das Sternbild „Großer Hund“ (Canis Major), nicht auf die plötzlich auftretende Faulheit bestimmter Haustiere.

Aber nicht die Hunde, sondern die Trockenheit soll heute unser Thema sein und was sie macht mit unseren Gedanken, wenn alles langsamer geht und manchmal auch gar nicht vom Fleck kommen will.

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Sonnenadern. 2018

Wort-Findungs-Störungen in Trockenphasen

Wenn nichts fließt
wenn Gedanken
zu Staub zerfallen
bevor sie gedacht sind
wechselnd von Grün nach Gelb nach
gebrannter Siena
ausgedorrt
zerbröselnd in Tausendstelfragmente

Wenn die Worte sich
nicht mehr finden
so lange sind sie Hand in Hand gegangen
nun flirren sie durcheinander
erschöpft und antriebslos
nur mit sich beschäftigt und vergessend
dass sie so allein selten etwas taugen.

Wortwüsten. Wüstenworte.
Der Sand sitzt in den Ohren
zwischen den Zähnen
in den Gehirnwindungen.
Auf der Zunge liegt der Sand
und schmeckt nach Totenstille
und nach Kamelhaar.

Schweigend blicken wir in die
ockerfarbene Ferne und beschwören
die wässernde Fata Morgana herauf
uns zu erlösen.

In Sturzbächen endlich fallen
die Wörter aus dem Kopf und
trudeln meerwärts davon
papierschiffchenstrauchelnd
auf dem Weg zu fruchtbareren Gegenden,
wo sie fortleben können und
der Sand sich ins Sediment der
Erinnerung setzt als
ferne dunkle Vergangenheit.

Gewächse des Sommers

Steigende Temperaturen, lange, helle Tage, die unmerklich in den Abend und die Nacht übergehen. Womöglich kühlt es sich gar nicht mehr ab, und die Nächte sind wie die Tage. Wir erinnern uns an das heiß ersehnte Hitzefrei aus Schulzeiten, an diese geliebte Hitzefreiheit, in der wir überall sein konnten, Hauptsache draußen.

Die Schlaflosigkeit in diesen Nächten gebiert besondere Sommergewächse aus Glut und Fantasie, Gespinste aus wachen Träumen, träumerischer Wachheit. Gut, wenn dann jemand ein bisschen auf uns achtgibt …

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Durchscheinend. 2017

Sommerkleid

Ich kleide mich
in den Sommer,
schmücke mich
mit Reiherfedern,
gehe auf Cirruswolken
spazieren, schlafe in
einem Flussbett,
bis der Morgentau
mich weckt.

Ich kleide mich
in den Sommer,
löse mich auf im
Himmelsblau –
eine Azuramazone
in wildem Ritt durch
Hochdruckgebiete.

Ich spüre dich auf,
die du nachts nicht
schlafen kannst,
weil es sich einfach
nicht abkühlen will.

Ich spüre dich auf,
du Sommergewächs,
du Nachtkerze,
die du schlaflos am
Küchentisch sitzt
und in das schwüle
Dunkel hinausstarrst,
wo die staubigen Falter
flattern
und die Fledertiere,
wo die Schnecken das
Etikett deines Teebeutels
benagen, weil sie die
Funkie schon genug
gelöchert haben.

Ich kleide dich
in den Sommer,
du Schlaflose,
ich schenke dir einen
Traum und
wache über dich, dass
dich die Schnecken nicht
fressen und auch nicht
die Falter.

Enge und Weite

Wir erleben die ersten sommerlichen Tage, es drängt uns hinaus. Unser Raum wird größer, die Kleidung luftiger, wir können Ballast abwerfen, uns freier bewegen. Und unser Herz – ist es frei in diesen Tagen oder trägt es schwer an etwas? Und wenn es schwer ist, wie könnte es leichter werden?

Den Blick weiten, die eigene Begrenztheit überwinden und auch den Schmerz – wer wünschte das nicht? Wenn es gelingt, ist es wie eine Erlösung, wir sehen klarer, und vielleicht wagt das Herz einen zaghaften freudigen Hüpfer. Von so einem „jungen Hüpfer“ erzählt der heutige Eintrag.

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Herzblatt. 2017

Im Vogelflug

Mauern –
fleckig und feucht.
Der Putz wirft Blasen.

Heute schnüren dich
diese Mauern ein,
lassen kein Spiel,
keinen Raum.

Sichtschutz.
Unterschlupf.

Unter große Fittiche
möchtest du schlüpfen,
diese Mauern,
sie schützen dich nicht.
Könntest du ziehen mit den Vögeln,
du reihtest dich ein in ihren Flug,
bräuchtest keine Mauern,
keinen Putz, der Blasen wirft.

Dein Herz ist eng heut
wie diese Mauern,
deine Herzhaut rissig,
am Abend wirst du sie stopfen,
notdürftig.

Morgen vielleicht
ziehst du mit den Vögeln
und dein Herz heilt
und das Stopfgarn
entpuppt sich als
roter Faden.

Ach, wirst du denken,
so ist das.

Anhaftungen

„Tabula rasa“ – mir gefällt dieser Ausdruck, er kommt gelegentlich in meinen Texten vor. Denn mir gefällt die Vorstellung: Tabula rasa – der ursprüngliche Zustand der Seele vor den ersten Einflüssen durch Eindrücke und Erfahrungen, sagt die Philosophie. „Eindrücke“, ein Wort, das dazu passt. In uns wird etwas hineingedrückt, wir werden „geprägt“, was ja auch ein Eindrücken ist, eine Formung, ein Geformtwerden. Damit betreten wir nun ein ziemlich weites Feld: Was in unserem Leben ist Prägung, was Individualität? Wie viel Einfluss haben wir auf das, was uns beeindrucken, „eindrücken“ will? Und wollen wir das jederzeit zulassen?

Manchmal heißt es dann, Nichtanhaftung zu praktizieren. Manchen Menschen fällt das recht leicht, anderen wiederum gar nicht. Es muss mit der Dicke der Haut zu tun haben, mit mehr oder weniger Durchlässigkeit. Und das Papier – ist es nicht auch mehr oder weniger dick, mehr oder weniger durchlässig? Lässt es sich nicht auch beeindrucken, prägen, formen? Und führt es nicht dennoch ein Eigenleben …?

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Unbekanntes Land. 2018

Palimpsest
Weißes Blatt

fremder Text scheint

durch das Papier

spiegelverkehrt

Und wenn ich heute

rechts und links

vertauschte

und wenn es mir heut

zum rechten Ohr herein-

zum linken Ohr hinausginge

mich durchflösse

ohne anzuhaften

wenn ich mitflösse

ohne anzuhaften

geschmeidig wie ein Fisch

Was für ein Tag wäre das?

Ich wäre wie ein weißes

Blatt Papier, durch das

fremder Text scheint