Enge und Weite

Wir erleben die ersten sommerlichen Tage, es drängt uns hinaus. Unser Raum wird größer, die Kleidung luftiger, wir können Ballast abwerfen, uns freier bewegen. Und unser Herz – ist es frei in diesen Tagen oder trägt es schwer an etwas? Und wenn es schwer ist, wie könnte es leichter werden?

Den Blick weiten, die eigene Begrenztheit überwinden und auch den Schmerz – wer wünschte das nicht? Wenn es gelingt, ist es wie eine Erlösung, wir sehen klarer, und vielleicht wagt das Herz einen zaghaften freudigen Hüpfer. Von so einem „jungen Hüpfer“ erzählt der heutige Eintrag.

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Herzblatt. 2017

Im Vogelflug

Mauern –
fleckig und feucht.
Der Putz wirft Blasen.

Heute schnüren dich
diese Mauern ein,
lassen kein Spiel,
keinen Raum.

Sichtschutz.
Unterschlupf.

Unter große Fittiche
möchtest du schlüpfen,
diese Mauern,
sie schützen dich nicht.
Könntest du ziehen mit den Vögeln,
du reihtest dich ein in ihren Flug,
bräuchtest keine Mauern,
keinen Putz, der Blasen wirft.

Dein Herz ist eng heut
wie diese Mauern,
deine Herzhaut rissig,
am Abend wirst du sie stopfen,
notdürftig.

Morgen vielleicht
ziehst du mit den Vögeln
und dein Herz heilt
und das Stopfgarn
entpuppt sich als
roter Faden.

Ach, wirst du denken,
so ist das.

Anhaftungen

„Tabula rasa“ – mir gefällt dieser Ausdruck, er kommt gelegentlich in meinen Texten vor. Denn mir gefällt die Vorstellung: Tabula rasa – der ursprüngliche Zustand der Seele vor den ersten Einflüssen durch Eindrücke und Erfahrungen, sagt die Philosophie. „Eindrücke“, ein Wort, das dazu passt. In uns wird etwas hineingedrückt, wir werden „geprägt“, was ja auch ein Eindrücken ist, eine Formung, ein Geformtwerden. Damit betreten wir nun ein ziemlich weites Feld: Was in unserem Leben ist Prägung, was Individualität? Wie viel Einfluss haben wir auf das, was uns beeindrucken, „eindrücken“ will? Und wollen wir das jederzeit zulassen?

Manchmal heißt es dann, Nichtanhaftung zu praktizieren. Manchen Menschen fällt das recht leicht, anderen wiederum gar nicht. Es muss mit der Dicke der Haut zu tun haben, mit mehr oder weniger Durchlässigkeit. Und das Papier – ist es nicht auch mehr oder weniger dick, mehr oder weniger durchlässig? Lässt es sich nicht auch beeindrucken, prägen, formen? Und führt es nicht dennoch ein Eigenleben …?

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Unbekanntes Land. 2018

Palimpsest
Weißes Blatt

fremder Text scheint

durch das Papier

spiegelverkehrt

Und wenn ich heute

rechts und links

vertauschte

und wenn es mir heut

zum rechten Ohr herein-

zum linken Ohr hinausginge

mich durchflösse

ohne anzuhaften

wenn ich mitflösse

ohne anzuhaften

geschmeidig wie ein Fisch

Was für ein Tag wäre das?

Ich wäre wie ein weißes

Blatt Papier, durch das

fremder Text scheint

Vom Werden und Vergehen und vom Schönen

Endlich sind wir im Frühling angekommen nach einem langen Winter, endlich wieder Farben und erste Blütenpracht. Es ist eine Binsenweisheit, dass wir das Grün des Frühlings besser schätzen können, weil wir es monatelang nur mit Grau und Dunkelbraun zu tun hatten. Und es ist eine Tulpenweisheit, dass auch das so ersehnte Grün wieder vergehen wird – um neu zu entstehen.

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Frühlingsgrün. 2017

Staubblätter

Vergehende Tulpen
zartes Weißrosaviolett
glänzend im frühen
Tageslicht
helles Grün der Stängel
und spitzen Blätter –
die Anmut der Vergänglichkeit

Das Welke ist schon da
doch hat sein Werk grad erst
begonnen
die Sonne wirft einen Schatten
über die Szene

Ihr werdet einen gemeinsamen
Tod sterben, zu acht an der Zahl
ich werde Zeugin sein
doch heute singe ich ein
Loblied auf euch
vergehende Tulpen in
zartem Weißrosaviolett
so zerbrechlich anzuschauen
wie Perlmutt

Und so wohltuend, einmal etwas
Schönes zu betrachten und
wirken zu lassen im Innern –
eure Blütenhaut ist dünn geworden
und an den Rändern kräuselig
ihr strömt den bekannten
Tulpenduft aus, gebt noch
einmal alles, bevor ihr
vergeht

Im Innern die tiefgelben Staubblätter
locken hinein in den Kelch
es lohnt sich, tief zu schauen
und neugierig zu sein mit offenen Sinnen –
denn manchmal
sind dort Wunder zu entdecken
Schönheiten, Verletzlichkeiten
die uns erinnern, dass das
Leben an einem seidenen Faden hängt
blassrosaweißviolett vielleicht mit einem hellen Grün

Aus den Augen, aus dem Sinn?

Im dauernden Fortschreiten der Zeit passiert es täglich, dass Dinge in Vergessenheit geraten, nicht mehr gebraucht werden, weil wir sie durch Praktischeres, Schnelleres oder Leistungsfähigeres ersetzen. Wozu sich mit zerbrechlichen dünnwandigen Porzellankaffeekannen herumplagen, wenn es doch doppelwandige Isolierkannen aus gebürstetem Edelstahl gibt? Schauen wir uns einen so in Vergessenheit geratenen Gegenstand einmal genauer an.

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Im Garten. 2017

Aus Kindertagen

Tropfenfänger
Schmetterling aus Porzellan
bunt bemalt, filigran
ein Gummizug und ein kleines Röllchen Schaumstoff

Familienfeiern
viele Torten, viele Tanten
die hektische Mutter
mitgebrachte Schokolade für die Kinder, gerecht aufgeteilt unter den Geschwistern
Sonntagskleider
Kniestrümpfe, von Oma gestrickt, mit Lochmuster, und
Lackschuhe, schwarz
das tiefe Gelächter der Onkel, rauchend, Bier trinkend
die hohen Stimmen der Tanten, likörselig
Und nach dem Kaffeetrinken ein Gang durch den Garten
Staunen und fachsimpeln, gedeihen die Möhren, die Bohnen, die Gurken?
Welche Schädlinge sind zu bekämpfen?

Tropfenfänger
Wenn mir der Blick fehlt für das filigrane Porzellan
wenn gar etwas zerbrochen ist
wenn die Schokolade die Seele retten soll
wenn das tiefe Gelächter der Onkel und die hohen Stimmen der Tanten
der Vergangenheit angehören, weil fast alle schon gestorben sind –

dann bräuchte ich einen Tropfenfänger
für die Tränen
der wie ein Schmetterlingsfänger wäre
auf der Suche nach dem Schönen

Denn in einer Träne spiegelt sich die Welt
findet sich das Salz der Ozeane

Leuchtkraft

Es ist schon verblüffend, wie hell eine klare Mondnacht sein kann. Sowieso ist der Mond ein besonderer Planet in seiner Verbindung zur Sonne. Und sowieso ist die Nacht in ihrer besonderen Stille immer gern Ort und Anlass zum Schreiben.

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Neumond – Vollmond. 2017

Den Mond zum Freund

Schatten werfen im Mondlicht
Schatten sein in der Finsternis
erstarrte Häuserzeilen, leuchtendes Wolkenweiß
die Stille noch stiller
die Pflanzen im Schlaf beschienen und behütet
unwirkliches Szenario
schärfere Konturen als sonst
es knackt im Gebälk, die Mäuse sind unruhig
denn die Eulen sind wach

Schatten werfen, Augen schließen
Kühle spüren und
endlich schlafen im Mondlicht
wie die Pflanzen beschienen und behütet
im Rauschen des Apfelbaums
im Traum
im Schatten
im Licht
im Jetzt