Einen Schritt nach dem anderen

Neulich tat ich einen Schritt – und er ging ins Leere. Eine Treppenstufe zu übersehen lehrte mich nicht gleich das Fliegen, wohl aber die Fragilität der körperlichen Unversehrtheit. Mit Glück im Unglück, mit Schiene und Krücken hatte ich auf einmal viel Zeit zum Sitzen und Schauen.

Eine Übung in Geduld war und ist das, die den vielen Kleinigkeiten draußen vor dem Fenster eine besondere Bedeutung beimisst, sie groß werden lässt – jede einzelne könnte der Anfang einer neuen Geschichte sein.

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Ganz präsent. 2015

Flügelschlag

Ein Schwarm Krähen
zieht über den Himmel
Dutzende an der Zahl
bilden ein bewegtes Muster
vor blauem Hintergrund

Ein Sehnen ergreift das Herz
lässt es pochen im Rhythmus
der ausatmenden Flügelschläge:
weit fort – weit fort – weit fort

Die Wolkenschlieren
wie feine Gaze
fast unbewegt
sonnen sich im untergehenden Licht

Der Täuberich gurrt: Nur du! Nur du!

Ich zupfe vertrocknete Blüten vom Stiel

Gelistet poetisch

Kaum wird es kühler, stellen wir wieder fest, dass unser Körper offenbar keine Möglichkeit hat, die Sommerwärme zu speichern. Ein dickes Fell zu haben reicht eben nicht. Und für die Dünnhäutigen birgt der Herbst oft noch seine ganz eigenen Herausforderungen. Ein mir sehr liebes Kleidungsstück (nicht nur) in diesen Zeiten ist da der Mantel.

Er ist nicht nur wärmend, sondern auch wunderbar symbolkräftig. Geschrieben habe ich die unten zu lesende Hommage an den Mantel in Form einer Liste. Die „Listenpoesie“ lernte ich in einem Schreibseminar kennen und empfand sie gleich als Offenbarung. Ordnungsliebende Menschen wie ich – und auch die mit den unordentlichen Gedanken und Ideen, was sich nicht ausschließen muss – erstellen ja permanent Listen: Erledigungslisten, Einkaufslisten, Lieblingsstiftelisten, Was-ich-unbedingt-vergessen-will-Listen, Titellisten für weitere Listen …

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Und am Ende ein n. 2017

Mein Mantel

dich trag ich gern
dich hab ich gern
in deine Taschen steck ich gern
Gefundenes
Gesammeltes
und etwas Kleingeld
weil man weiß ja nie
und ein Wort oder zwei
für unterwegs

du schützt mich
du birgst mich
du wärmst mich
du kleidest mich
du hast unzählige Gestalten:
 aus Licht
 aus Liebe bist du
 aus Staub
 aus Himmel
 aus rotem Faden bist du
 aus Fantasie
 aus Farbe
 aus Wörtern bist du
wie die berührende Hand der Geliebten bist du
wie Nahrung
wie Musik
 aus Träumen gemacht bist du
 gewebt, gelebt, geschwebt bist du

ohne dich wär ich nicht ganz
wär mein Leben ohne Glanz
und meine Wege beschwerlicher

du machst mich begehrlicher,
gefährlicher.

Wortwörtlich

Mit der Sprache zu leben, birgt Überraschungen zuweilen. Da gibt es Wörter, die ich höchstens ein- bis zweimal im Jahr verwende wie Akazienallee oder Vanillepuddingpulver. Dann gibt es andere, die spielen sich unvermittelt in den Vordergrund, wollen einmal besonders – sozusagen wortwörtlich – beachtet werden, ungeachtet dessen, dass wir schon des Öfteren das Vergnügen miteinander hatten: Kaleidoskop zum Beispiel oder Pusteblume.

Purzelbäumen war ich schon länger nicht mehr begegnet – aber neulich traf ich einen und er war recht redselig, obwohl das Wetter so schlecht war …

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Roses are red … 2017

Letzten Endes

Purzelblumen, Purzelbäume.
Rolle rückwärts in den Himmel,
der heute grau und
nass und unwirtlich.

Endlos fällt der Regen,
fällt und fällt.
Suche Schutz im
eigenen Gemäuer,
wo noch die letzte
Sommerrose steht,
das Wasser beginnt
schon zu bräunen.

Du sammelst die
Blütenblätter, lässt
sie trocknen, betrachtest
ihre zunehmende Zerknitterung,
die dir eine Geschichte
erzählt von vermeintlicher
Vergeblichkeit und letzter
Dürre.

Eine Mutter ist gestorben,
sie hatte noch Zeit, den
Schmuck an die Töchter zu
verteilen und den Sperrmüll
zu bestellen, am Ende drängte es.

Spürt die Rose ihren Verfall?
Da ist noch Wasser in der Vase,
doch die Blätter werden trotzdem
braun. Sie verweigert die Nahrung,
wie auch die Mutter schlussendlich
nicht mehr aß.

Purzelblumen, Purzelbäume.
Rolle vorwärts in den Himmel.

30 Grad Celsius plus x

Wir erleben gerade die sogenannten Hundstage, die heißesten Tage des Jahres. Und tatsächlich verspüren derzeit nicht mal die Hunde große Lust, sich zu bewegen. Wobei der Name „Hundstage“ zurückgeht auf das Sternbild „Großer Hund“ (Canis Major), nicht auf die plötzlich auftretende Faulheit bestimmter Haustiere.

Aber nicht die Hunde, sondern die Trockenheit soll heute unser Thema sein und was sie macht mit unseren Gedanken, wenn alles langsamer geht und manchmal auch gar nicht vom Fleck kommen will.

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Sonnenadern. 2018

Wort-Findungs-Störungen in Trockenphasen

Wenn nichts fließt
wenn Gedanken
zu Staub zerfallen
bevor sie gedacht sind
wechselnd von Grün nach Gelb nach
gebrannter Siena
ausgedorrt
zerbröselnd in Tausendstelfragmente

Wenn die Worte sich
nicht mehr finden
so lange sind sie Hand in Hand gegangen
nun flirren sie durcheinander
erschöpft und antriebslos
nur mit sich beschäftigt und vergessend
dass sie so allein selten etwas taugen.

Wortwüsten. Wüstenworte.
Der Sand sitzt in den Ohren
zwischen den Zähnen
in den Gehirnwindungen.
Auf der Zunge liegt der Sand
und schmeckt nach Totenstille
und nach Kamelhaar.

Schweigend blicken wir in die
ockerfarbene Ferne und beschwören
die wässernde Fata Morgana herauf
uns zu erlösen.

In Sturzbächen endlich fallen
die Wörter aus dem Kopf und
trudeln meerwärts davon
papierschiffchenstrauchelnd
auf dem Weg zu fruchtbareren Gegenden,
wo sie fortleben können und
der Sand sich ins Sediment der
Erinnerung setzt als
ferne dunkle Vergangenheit.

Gewächse des Sommers

Steigende Temperaturen, lange, helle Tage, die unmerklich in den Abend und die Nacht übergehen. Womöglich kühlt es sich gar nicht mehr ab, und die Nächte sind wie die Tage. Wir erinnern uns an das heiß ersehnte Hitzefrei aus Schulzeiten, an diese geliebte Hitzefreiheit, in der wir überall sein konnten, Hauptsache draußen.

Die Schlaflosigkeit in diesen Nächten gebiert besondere Sommergewächse aus Glut und Fantasie, Gespinste aus wachen Träumen, träumerischer Wachheit. Gut, wenn dann jemand ein bisschen auf uns achtgibt …

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Durchscheinend. 2017

Sommerkleid

Ich kleide mich
in den Sommer,
schmücke mich
mit Reiherfedern,
gehe auf Cirruswolken
spazieren, schlafe in
einem Flussbett,
bis der Morgentau
mich weckt.

Ich kleide mich
in den Sommer,
löse mich auf im
Himmelsblau –
eine Azuramazone
in wildem Ritt durch
Hochdruckgebiete.

Ich spüre dich auf,
die du nachts nicht
schlafen kannst,
weil es sich einfach
nicht abkühlen will.

Ich spüre dich auf,
du Sommergewächs,
du Nachtkerze,
die du schlaflos am
Küchentisch sitzt
und in das schwüle
Dunkel hinausstarrst,
wo die staubigen Falter
flattern
und die Fledertiere,
wo die Schnecken das
Etikett deines Teebeutels
benagen, weil sie die
Funkie schon genug
gelöchert haben.

Ich kleide dich
in den Sommer,
du Schlaflose,
ich schenke dir einen
Traum und
wache über dich, dass
dich die Schnecken nicht
fressen und auch nicht
die Falter.