Im doppelten Wortsinn: schreiben

Gestern, am 23. Januar, war der Internationale Tag der Handschrift. Ja, den gibt es wirklich. Ich gehöre zu den Menschen, die sehr gerne mit der Hand schreiben. Manches begreife ich besser, wenn es schon einmal den Weg vom Gehirn oder aus dem Herzen durch die Hand aufs Papier genommen hat. Und manches haben andere so schön und tiefsinnig formuliert, dass ich es in meinem Notizbuch oder auf einem besonderen Blatt in einer besonderen (Hand-)Schrift festhalte, damit es mir ab und zu wieder „in die Hände fallen“ kann und mich erfreut – wie das wunderbare Haiku der japanischen Dichterin Teijo Nakamura (1900–1988).

Schreibe ich eigene poetische Texte, so schreibe ich sie ebenfalls erst einmal mit der Hand. Es fühlt sich für mich ursprünglicher an, einen Stift zu nehmen, als ein elektronisches Gerät zwischen mich und die Wörter zu stellen. Das Schreiben ist so auch ein haptisches Erlebnis. Ich bringe die Wörter zu Papier und kann darüberstreichen und mich so noch einmal (berührend – im doppelten Wortsinn) mit ihnen verbinden. Die Seele liest mit.

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Kurz und gut. 2017

Allmorgendlich

Mit dem Beginn des Tages
einige Worte schreiben
um die Seele zu versorgen

Wie du die Kinder mit Frühstück
versorgst –
zuerst die Kinder versorgen
dann dich selbst

Zuerst die Seele versorgen
dass sie in Ruhe
dass sie gestärkt
in den Tag gehen kann – und du mit ihr

Zuerst die Seele versorgen

Zwischen den Jahren

Wir befinden uns gerade in einer besonderen Zeit zwischen Altem und Neuem, Dunkelheit und Licht. Vielleicht hat uns das alte Jahr erschöpft und das neue soll uns neue Kraft geben, heller sein, leichter, großartiger oder einfach nur ruhiger. Vielleicht war es ein erfolgreiches Jahr, erfüllte Monate voller schöner Ereignisse, und das möge nun natürlich so weitergehen. – Das Jahr gönnt uns jetzt diese besonderen Tage, diesen Zwischen-Raum, der uns Gelegenheit gibt, zurück und nach vorn, aber auch in uns hinein zu schauen.

Was können wir dort entdecken? Ablagerungen aus den vergangenen 360 Tagen? Dankbarkeit, Tränen, Begeisterung? Machen wir uns auf die Suche nach dem klitzekleinen Glitzern in uns und erfreuen uns einen Moment an uns selbst …

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Kernkompetenz. 2018

Winterüberlegungen

In der Nacht
ist der Schnee
wie Licht
ein zartes Leuchten

mit Schnee bedeckt
wäre auch ich ein
sanftes Wesen
das leuchtete im
Dunkeln

und du könntest
in diesem Leuchten
deine Ruhe finden
für einen Moment

bevor du schlafen gingest
und träumtest, von Schnee
bedeckt zu sein und
zu leuchten

Übergänge

Während wir noch ganz eifrig unseren diversen Beschäftigungen nachgehen und sich die Vorweihnachtszeit vor uns auftut, die manche in Hektik versetzt, andere in Entzücken und wieder andere so gar nicht interessiert, zieht sich die Natur in ihre Ruhephase zurück. Sie hat für dieses Jahr genug getan und mit der großen Trockenheit ihre eigenen Anstrengungen erlebt.
Nur hier und da gönnt sie uns noch einen Tupfen Farbe …

Wer die Muße hat und wer es sich erlaubt, diese Übergänge bewusst wahrzunehmen, kann vieles entdecken, was unser Leben ausmacht, und vielleicht den Mut fassen, das anzunehmen, was sich ereignet zwischen Himmel und Erde, was uns zustößt, uns fordert und was uns auch geschenkt wird.

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Geduldige Verwandlung. 2018

Erhaschen

Letzte Sonne vorm Winter,
als hätte der Winter keine Sonne.
Letztes Grün im Herbst,
letzte Blüte im Beet.

Schau, wie kräftig das Orange
noch ist. Und der kleine lila Tupfen dort
macht dich lächeln.

Du kannst nichts mitnehmen.
Die Sonne wärmt dich jetzt
in diesem Moment.
Das Orange ist jetzt noch so leuchtend –
doch morgen?
Das Lila – es streckt sich im Licht,
jetzt noch spürt es die Wärme der Sonnenmutter,
morgen gibt es sich mutig hin,
strebt der feuchten Erde entgegen:
Es ist vollbracht.

Ich brachte euch das Volle,
alles, was ich hatte,
nun kehre ich zurück in die Erde,
aus der ich kam.

Einen Schritt nach dem anderen

Neulich tat ich einen Schritt – und er ging ins Leere. Eine Treppenstufe zu übersehen lehrte mich nicht gleich das Fliegen, wohl aber die Fragilität der körperlichen Unversehrtheit. Mit Glück im Unglück, mit Schiene und Krücken hatte ich auf einmal viel Zeit zum Sitzen und Schauen.

Eine Übung in Geduld war und ist das, die den vielen Kleinigkeiten draußen vor dem Fenster eine besondere Bedeutung beimisst, sie groß werden lässt – jede einzelne könnte der Anfang einer neuen Geschichte sein.

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Ganz präsent. 2015

Flügelschlag

Ein Schwarm Krähen
zieht über den Himmel
Dutzende an der Zahl
bilden ein bewegtes Muster
vor blauem Hintergrund

Ein Sehnen ergreift das Herz
lässt es pochen im Rhythmus
der ausatmenden Flügelschläge:
weit fort – weit fort – weit fort

Die Wolkenschlieren
wie feine Gaze
fast unbewegt
sonnen sich im untergehenden Licht

Der Täuberich gurrt: Nur du! Nur du!

Ich zupfe vertrocknete Blüten vom Stiel

Gelistet poetisch

Kaum wird es kühler, stellen wir wieder fest, dass unser Körper offenbar keine Möglichkeit hat, die Sommerwärme zu speichern. Ein dickes Fell zu haben reicht eben nicht. Und für die Dünnhäutigen birgt der Herbst oft noch seine ganz eigenen Herausforderungen. Ein mir sehr liebes Kleidungsstück (nicht nur) in diesen Zeiten ist da der Mantel.

Er ist nicht nur wärmend, sondern auch wunderbar symbolkräftig. Geschrieben habe ich die unten zu lesende Hommage an den Mantel in Form einer Liste. Die „Listenpoesie“ lernte ich in einem Schreibseminar kennen und empfand sie gleich als Offenbarung. Ordnungsliebende Menschen wie ich – und auch die mit den unordentlichen Gedanken und Ideen, was sich nicht ausschließen muss – erstellen ja permanent Listen: Erledigungslisten, Einkaufslisten, Lieblingsstiftelisten, Was-ich-unbedingt-vergessen-will-Listen, Titellisten für weitere Listen …

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Und am Ende ein n. 2017

Mein Mantel

dich trag ich gern
dich hab ich gern
in deine Taschen steck ich gern
Gefundenes
Gesammeltes
und etwas Kleingeld
weil man weiß ja nie
und ein Wort oder zwei
für unterwegs

du schützt mich
du birgst mich
du wärmst mich
du kleidest mich
du hast unzählige Gestalten:
 aus Licht
 aus Liebe bist du
 aus Staub
 aus Himmel
 aus rotem Faden bist du
 aus Fantasie
 aus Farbe
 aus Wörtern bist du
wie die berührende Hand der Geliebten bist du
wie Nahrung
wie Musik
 aus Träumen gemacht bist du
 gewebt, gelebt, geschwebt bist du

ohne dich wär ich nicht ganz
wär mein Leben ohne Glanz
und meine Wege beschwerlicher

du machst mich begehrlicher,
gefährlicher.