Halb voll oder halb leer? Jedenfalls halb.

Ja, ich gehöre zu denen, für die ein Glas eher halb leer als halb voll ist. Dabei kommt es natürlich darauf an, was drin ist im Glas. Bei einer bitteren Medizin ist „halb leer“ schon die halbe Miete. Und das ist doch schon ganz schön viel. Ansichtssache also?

Es gibt Zeiten im Leben, da drohen einem die Dinge über den Kopf zu wachsen oder sie wachsen einem aus dem Kopf heraus und lassen die Erdung vermissen. Zu Stift und Papier zu greifen, kann da schon der erste Schritt zu mehr Boden unter den Füßen sein. Mit etwas Glück spricht dann eine andere „Instanz“ aus uns, unser Herz vielleicht oder ein anderes Ich, dem wir zu oft zu wenig Gehör schenken. Für jemanden von eher pessimistischer Natur ist dieses Unterfangen natürlich geradezu tollkühn – und kann doch so heilsam sein!

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o. T. 2019

Variable x

Sie rechnet immer mit dem Schlimmsten.
Dabei kann sie gar nicht gut rechnen.
Und tut es deshalb auch nicht gern.

Sie rechnet immer mit dem Schlimmsten.
Mit einer Unbekannten rechnet sie nicht.

Ich reise auf Papier

Manche Texte sprechen in Rätseln. Auch meine eigenen sprechen gelegentlich in Rätseln zu mir. Zwar habe ich sie selbst geschrieben, doch offenbaren sie sich mir nicht ganz. Ich spüre, dass sie „stimmen“, doch kann ich sie nicht bis ins Letzte deuten. Aber muss ich alles von meinen Texten wissen?

Das ist für mich immer wieder das Reizvolle am Schreiben und auch am Zeichnen: Ich begebe mich auf Entdeckungsreise. Ich beginne und sehe, wohin es mich führt. Wenn ich keinen Plan verfolge, erlaube ich mir eine Offenheit, die manchmal in die Dürre führt, manchmal aber stoße ich auch auf fruchtbares Land. Dafür muss es hin und wieder regnen …

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Beobachtung. 2017

Ansässig durchlässig

Sie hat auch an diesem Morgen getan
was zu tun ist (um nicht aus der Rolle zu fallen)
und zum wiederholten Male ihre feste Adresse geprüft

Eine feste Adresse – ist das ein Zuhause?
Kann das auch ein Kastanienbaum sein?
Oder eine Wolke? In der Nacht. Ganz unbemerkt.

Sie sieht die Zeit an sich vorüberziehen
sie wickelt Locken kämmt Wörter harkt Wege
umgarnt ihr einsames Herz

Der Regen fällt durch die löchrigen Stockrosenblätter
ihr vor die Füße

Geburtstag!

Das blaue komma ist nun ziemlich genau ein Jahr alt! Die ersten Einträge veröffentlichte ich im April 2018. Ein Jahr ist vergangen, wieder ist April, wieder ist Frühling. Wir können ganz untätig sein – und die Zeit vergeht doch. Wir können ganz viel hineinpressen in die Zeit – und sie vergeht doch. Sie ist flüchtig. Nicht fassbar. Außer an Zeichen um uns herum.

Wenn wir inne/halten, können wir sie vielleicht für einen Moment an/halten, die Zeit. Zum Beispiel jetzt. Den Blick Richtung Fenster wenden und hinausschauen. Was gibt es zu sehen? Was sagt der Himmel? Können wir den Zilpzalp entdecken oder die Meise zwischen all dem lärmenden Weltengetöse? Das Schneckenhaus, so still und doch voller Leben? – Sich selbst anhalten hilft manchmal beim Wundern.

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Gelb-Grün-Idyll. 2016

Eine neue Zeit

Flugzeuge zerschneiden das frühe,
helle Blau des Himmels –
auf dem Weg sein, irgendwohin,
am besten weit weg.

Du schaust den Fliegern nach, wie sie
langsam aus deinem Blickfeld verschwinden.
Eine Drossel kommt zu Besuch für
die Reste des winterlichen Vogelfutters.

Die Schatten der vertrockneten
Sommerblumen aus dem letzten Jahr
zittern im Wind,
Spinnfäden glitzern im Licht.

Eine neue Jahreszeit beginnt.
Du bist wach,
du träumst –

wie die Sonne dir ein feines reines Kleid webt,
wie das Grün dir neue Schuhe schustert,
wie die Obstbäume blühen für deine Nahrung,
wie der Himmel sich wölbt für deine Geborgenheit.

Das Prisma funkelt regenbogenfarben,
eine neue Zeit beginnt.
Schatten zittern im Wind,
weiße Blütenblätter segeln.

Welttag der Poesie

„Es soll ja Leute geben, die nicht an den Gott der Poesie glauben. Aber ich weiß, dass er existiert.“ Das sagte Michael Krüger, der ehemalige Verleger des Hanser Verlages und selbst ein Dichter, in einem Interview mit dem Magazin brand eins (Ausgabe 11/2016). Heute, am Welttag der Poesie, möchte auch ich gern den Gott der Poesie beschwören, vielleicht ist es auch eine Göttin oder noch ein ganz anderes immaterielles Wesen, das sich durch den Menschen bemerkbar macht und uns etwas mitteilen will vom Sein und Sosein, vom Nichtsein und Nichtmehrsein und allem dazwischen.

Poesie ist eine besondere Art, die Welt zu sehen, ein besonderer Versuch, die Welt zu begreifen und zu verdichten, zu destillieren. Poesie ist eine besondere Essenz – ein Tropfen davon macht schon glücklich.

Na ja, wenn es in der Schule an das Interpretieren von Gedichten geht, ist schnell Schluss mit dem Glücklichsein – zumindest war das meine Erfahrung, auch noch im Studium. Die Freiheit kam später: die Freiheit des Wortes, die Freiheit eigener Interpretation, eigener Gewissheiten und eigener Zweifel. Glück ist für mich heute und an diesem Welttag, dass ich manchmal einen Tropfen Poesie schmecken darf, manchmal auch mich an ihm abarbeite – und dabei spüre, was Poesie eben ist.

Was könnte nun das Destillat dieser langen Rede sein?

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Gedankenranken. 2016

Heilig

Worte nur
kaleidoskopisch
Wortsprengsel
mal so, mal anders
in ein Muster fallend
farbiges Sekundenbild

Versuchen festzuhalten
was schon vergangen im Moment
des Schreibens
und immer wieder neu
mit den Worten sein

Buchstaben
heilige Zeichen

Buchstaben, spielerisch

Poetisches muss nicht unbedingt ernst sein. Der spielerische Umgang mit Worten oder Buchstaben findet sich schon in Kinderliedern wie „Auf der Mauer, auf der Lauer“ und nicht zuletzt in der Buchstabensuppe. Im Grunde geht es um die Fantasie, die es erlaubt, sich mal was zu erlauben, Dinge in ungewohnte Kontexte zu stellen und ins Freie zu galoppieren.

Doch wie alles hat auch das mindestens zwei Seiten. Wenn die Wörter davongaloppieren und sich nicht mehr einfangen lassen, haben wir oft das Nachsehen (im wahrsten Wortsinn). Es steht zwar viel auf dem Papier, doch worum ging es eigentlich? Dann braucht es wieder die mutige Konzentration, das sanfte Hinspüren, um den Kern zu entdecken, der entdeckt werden will. Und schon sind sie da, die unverwechselbare Weichheit und Wärme der Pferdenüstern und das Aneinandertitschen der kleinen kühlen Glaskugeln.

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Die Murmel klickert. 2019

Das kleine i fischen

in der Leere mich besinnen
im Raum mich finden

eintauchen in eine Tiefe
und fischen gehen
fischen nach Worten
fischen nach dem kleinen i

in der Leere mich besinnen
im Raum mich finden

die Worte wie Murmeln in
der Manteltasche bewegen
das Klickern hören und
die Erinnerung

in der Leere mich finden
im Raum mich besinnen

zu den Murmeln mich legen
in die Manteltasche und
klickern mit dem kleinen i –

klickeriki!