Gezeitenzeiten

Das Meer ist immer ein willkommenes Bild für die Bewegtheit (in) der Natur: Ebbe und Flut, ein Gehen und Kommen, eine Weite, wie sie in den Städten nicht zu finden ist, ein freier Himmel, ein freies Atmen. Stille findet sich nicht unbedingt – wenn die Wellen tosen, kann das ziemlich laut sein. Aber manchmal lässt sich dort das Besondere des Alleinseins erleben, wenn da gar niemand ist, nur die Natur und der einzelne Mensch in ihr. Für manche ist das kaum aushaltbar, so mit sich selbst zu sein – für andere ist es eine kostbare und gesuchte Erfahrung.

Das Wasser mag auch – zumal im Herbst – ein Ort für Trübsinniges sein. In die Weite lässt sich viel hineinprojizieren und das Herz will mal all seine Sehnsüchte und Qualen ausschütten, das Alleinsein mag umschlagen in eine Einsamkeit oder eine „Weltentrauer“ vor lauter Grautönen, die sich da draußen auftun. Wie gut, wenn sich dann eine schützende Hülle um uns legt …

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Vorübergehend. 2019

Wolkenwellenwege

Hinausgetrieben aufs offene Meer
bei grauem Himmel
die Horizontlinie verschwimmt

Trauer steigt aus dem Wasser empor
in feinen Wolken kommt sie
auf dich zu und umhüllt dich
wie eine alte Freundin

Bei trübem Wetter zieht es dich
hinaus aufs Meer, in die Kälte,
ins Unwegsame

Regen prasselt auf deinen Kokon aus Algen
grünlich schimmert die Außenwelt
die Wellen tragen dich fort
vielleicht wissen sie, wohin

Du weißt es nicht

Bevorraten Sie sich!

Die Herbst-Tagundnachtgleiche, das Äquinoktium, liegt hinter uns, die Dunkelheit wird sicht- und spürbarer, die letzte Wespe besucht mich hier beim Schreiben noch durchs geöffnete Fenster, dreht eine Runde im Zimmer und verschwindet wieder, unverrichteter Dinge. Merklich verändert sich etwas – noch ist uns die Fülle des Sommers nah, doch hat sich bereits eine Wehmut eingeschlichen. Wenn wir eine frisch gefallene, glänzende Kastanie in die Manteltasche stecken, lässt sich der Herbst nicht mehr leugnen.

In solchen Übergangszeiten werden die Kontraste am deutlichsten: hell und dunkel, Wärme und Kälte, ein Meer von Farben gegen das Vorherrschen erdiger Töne. Also noch schnell das Sammeln beginnen: Licht und laue Lüftchen, wo wir sie finden können!

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Was blüht. 2019

Vergebens?

Noch ein Sonnentag im
Fast-schon-Herbst
Vergnügliche Vögel
Stille im Haus

Ich lasse das Licht in mich
hineinfließen als könnte
ich es speichern für den
Winter

Wie ein Eichhörnchen
wüsste ich dann nicht mehr
wo ich es verbuddelt habe
das Licht, einer Nuss gleich
kleine runde Nahrung gegen den
immerwährenden Hunger

Licht essen
Wärme essen

Wie ein schwarzer Stein aus der Wüste
New Mexicos uralt und wissend, gelassen
speicherte ich die Glut –
wer sollte mir etwas anhaben?

Hinter meinen Augenlidern
leuchtet es orange, seliges Flimmern.
Ich esse das Licht und
das Licht isst mich.

Relative Unschärfe

Manchmal ist Schreiben für mich der Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen, mir Klarheit über etwas zu verschaffen, der Versuch, Dinge, die ich nicht verstehe, schreibend dann doch zu begreifen, Waberndem eine Form zu geben. Das Form(ulier)en ist dabei eine Art Selbstvergewisserung. Autobiografisches Schreiben ist vermutlich so ähnlich: Ich vergewissere mich meines Daseins, meiner Vergangenheit und Gegenwart durch das Notieren von Erinnerungen. Unscharfes soll Konturen erhalten, Vergangenes herangeholt, Flüchtiges bewahrt werden – sinnstiftend möglicherweise.

Mit dem Schreiben kann es auch gelingen, allerlei Dämonen zu bannen und Allerheiligstes zu beschwören – auf weißem Papier und in leeren Räumen zum Beispiel.

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Umkreist. 2018

Spuren auslegen

Im Schreiben
fixiere ich
das Abwesende

Dich
das Licht
oder die Dunkelheit

Im Schreiben
fülle ich das leere Haus
mit Worten

Beschrifte Türzargen
Fensterstürze
Deckenleuchten

Zeichne Leerstellen an die Wand
damit du mich später
wenn du zurückkommst

besser finden kannst.

Wahr-nehmen

„Ich sehe was, was du nicht siehst …“ – ein beliebtes Spiel, vor allem auf langweiligen Autofahrten in den Urlaub. Ich sehe was, was du nicht siehst – das sagt auch meine Fantasie zu mir. Und wenn ich Glück habe und grad Stift und Papier zur Hand, öffnet sich mit diesem Satz ein Raum, in dem ich dann auch sehe, was die Fantasie sieht: sprechende Fische oder fremde Menschen in fremden Häusern oder … Diesen Raum halte ich fest auf dem Papier, tauche ab, um genauer hinzuschauen, Entdeckungen zu machen.

Es passiert allerdings nicht ständig, dass sich mir dieser Raum öffnet, dass die Fantasie Lust hat auf dieses Spiel. Gerade in den letzten Wochen habe ich mal wieder den Eindruck, sie ist ohne mich in die Ferien gefahren – und hat auch keinen Zettel dagelassen, ob und wann sie zurückkommt. Also geduldig sein und aufmerksam bleiben, offen für die innere und äußere Umgebung, für Ungewohntes und Absonderliches, zum Beispiel für den Butt im Blumenkasten …

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Frustrationstoleranz. 2019

Sinnestäuschung

Ein toter Butt in meinem Blumenkasten
angeschwemmt vom Meer
als ich schlief

Gräulich stockfleckig
erkenne ich:
Es ist ein Funkienblatt

Der Butt – sprach er zu mir in der Nacht?
Ist es deshalb so nebelig heute Morgen
weil seine Worte noch nicht
angekommen sind?

Leben kleben

Herta Müller tut es, zahllose Künstlerinnen und Künstler tun es: Sie kleben, kleben Bilder und Wörter – und finden damit neue Verbindungen, stellen neue Zusammenhänge her. Hannah Höch tat es und gilt gar als Erfinderin der Collage (nur um mal einen Namen zu nennen, der nicht vergessen werden sollte).

Dieses „Spiel“ mit Bild- und Wortelementen – das oft einfacher aussieht, als es ist – hat für mich einen besonderen Reiz, weil dabei Ungeahntes und Ungeplantes entsteht. In der Verbindung mit Naturmaterialien kommt noch eine weitere Komponente hinzu: Das Trocknen und Pressen von Blüten und Pflanzenteilen entreißt diese sozusagen ihrer Vergänglichkeit und offenbart einen anderen Aspekt ihrer Schönheit. Mir hilft beim konservierenden Blütenpressen der etwas zerfledderte und über zwei Kilo schwere Band 1 von Meyers Großem Konversations-Lexikon aus dem Jahre 1904 (A bis Astigmatismus). Ich finde es eine interessante Vorstellung, dass die Blüten zwischen den Seiten in so engen Kontakt zum Wort geraten – ob sie wollen oder nicht. Vielleicht nehmen sie etwas auf vom Sinn des Wortes und tragen ihn weiter in die Collage oder ein anderes (Kunst-)Werk hinein …

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Bacopa monnieri. 2019

Wolkenlos

Der Himmel ist
als wär er nicht da
ein einheitliches flaches Hellblau
störungsfreier Hintergrund

Die Häuser sind
als wären sie ausgeschnitten und aufgeklebt
auf hellblaues Papier
die Schornsteine ragen akkurat empor

Da hat sich jemand Mühe gegeben
an diesem Sommermorgen
mit der Schere und dem Leim

Eine Hummel fliegt die Blüten ab
und schmeckt den Kleister der
alles zusammenhält