Wahr-nehmen

„Ich sehe was, was du nicht siehst …“ – ein beliebtes Spiel, vor allem auf langweiligen Autofahrten in den Urlaub. Ich sehe was, was du nicht siehst – das sagt auch meine Fantasie zu mir. Und wenn ich Glück habe und grad Stift und Papier zur Hand, öffnet sich mit diesem Satz ein Raum, in dem ich dann auch sehe, was die Fantasie sieht: sprechende Fische oder fremde Menschen in fremden Häusern oder … Diesen Raum halte ich fest auf dem Papier, tauche ab, um genauer hinzuschauen, Entdeckungen zu machen.

Es passiert allerdings nicht ständig, dass sich mir dieser Raum öffnet, dass die Fantasie Lust hat auf dieses Spiel. Gerade in den letzten Wochen habe ich mal wieder den Eindruck, sie ist ohne mich in die Ferien gefahren – und hat auch keinen Zettel dagelassen, ob und wann sie zurückkommt. Also geduldig sein und aufmerksam bleiben, offen für die innere und äußere Umgebung, für Ungewohntes und Absonderliches, zum Beispiel für den Butt im Blumenkasten …

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Frustrationstoleranz. 2019

Sinnestäuschung

Ein toter Butt in meinem Blumenkasten
angeschwemmt vom Meer
als ich schlief

Gräulich stockfleckig
erkenne ich:
Es ist ein Funkienblatt

Der Butt – sprach er zu mir in der Nacht?
Ist es deshalb so nebelig heute Morgen
weil seine Worte noch nicht
angekommen sind?

Leben kleben

Herta Müller tut es, zahllose Künstlerinnen und Künstler tun es: Sie kleben, kleben Bilder und Wörter – und finden damit neue Verbindungen, stellen neue Zusammenhänge her. Hannah Höch tat es und gilt gar als Erfinderin der Collage (nur um mal einen Namen zu nennen, der nicht vergessen werden sollte).

Dieses „Spiel“ mit Bild- und Wortelementen – das oft einfacher aussieht, als es ist – hat für mich einen besonderen Reiz, weil dabei Ungeahntes und Ungeplantes entsteht. In der Verbindung mit Naturmaterialien kommt noch eine weitere Komponente hinzu: Das Trocknen und Pressen von Blüten und Pflanzenteilen entreißt diese sozusagen ihrer Vergänglichkeit und offenbart einen anderen Aspekt ihrer Schönheit. Mir hilft beim konservierenden Blütenpressen der etwas zerfledderte und über zwei Kilo schwere Band 1 von Meyers Großem Konversations-Lexikon aus dem Jahre 1904 (A bis Astigmatismus). Ich finde es eine interessante Vorstellung, dass die Blüten zwischen den Seiten in so engen Kontakt zum Wort geraten – ob sie wollen oder nicht. Vielleicht nehmen sie etwas auf vom Sinn des Wortes und tragen ihn weiter in die Collage oder ein anderes (Kunst-)Werk hinein …

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Bacopa monnieri. 2019

Wolkenlos

Der Himmel ist
als wär er nicht da
ein einheitliches flaches Hellblau
störungsfreier Hintergrund

Die Häuser sind
als wären sie ausgeschnitten und aufgeklebt
auf hellblaues Papier
die Schornsteine ragen akkurat empor

Da hat sich jemand Mühe gegeben
an diesem Sommermorgen
mit der Schere und dem Leim

Eine Hummel fliegt die Blüten ab
und schmeckt den Kleister der
alles zusammenhält

Halb voll oder halb leer? Jedenfalls halb.

Ja, ich gehöre zu denen, für die ein Glas eher halb leer als halb voll ist. Dabei kommt es natürlich darauf an, was drin ist im Glas. Bei einer bitteren Medizin ist „halb leer“ schon die halbe Miete. Und das ist doch schon ganz schön viel. Ansichtssache also?

Es gibt Zeiten im Leben, da drohen einem die Dinge über den Kopf zu wachsen oder sie wachsen einem aus dem Kopf heraus und lassen die Erdung vermissen. Zu Stift und Papier zu greifen, kann da schon der erste Schritt zu mehr Boden unter den Füßen sein. Mit etwas Glück spricht dann eine andere „Instanz“ aus uns, unser Herz vielleicht oder ein anderes Ich, dem wir zu oft zu wenig Gehör schenken. Für jemanden von eher pessimistischer Natur ist dieses Unterfangen natürlich geradezu tollkühn – und kann doch so heilsam sein!

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o. T. 2019

Variable x

Sie rechnet immer mit dem Schlimmsten.
Dabei kann sie gar nicht gut rechnen.
Und tut es deshalb auch nicht gern.

Sie rechnet immer mit dem Schlimmsten.
Mit einer Unbekannten rechnet sie nicht.

Ich reise auf Papier

Manche Texte sprechen in Rätseln. Auch meine eigenen sprechen gelegentlich in Rätseln zu mir. Zwar habe ich sie selbst geschrieben, doch offenbaren sie sich mir nicht ganz. Ich spüre, dass sie „stimmen“, doch kann ich sie nicht bis ins Letzte deuten. Aber muss ich alles von meinen Texten wissen?

Das ist für mich immer wieder das Reizvolle am Schreiben und auch am Zeichnen: Ich begebe mich auf Entdeckungsreise. Ich beginne und sehe, wohin es mich führt. Wenn ich keinen Plan verfolge, erlaube ich mir eine Offenheit, die manchmal in die Dürre führt, manchmal aber stoße ich auch auf fruchtbares Land. Dafür muss es hin und wieder regnen …

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Beobachtung. 2017

Ansässig durchlässig

Sie hat auch an diesem Morgen getan
was zu tun ist (um nicht aus der Rolle zu fallen)
und zum wiederholten Male ihre feste Adresse geprüft

Eine feste Adresse – ist das ein Zuhause?
Kann das auch ein Kastanienbaum sein?
Oder eine Wolke? In der Nacht. Ganz unbemerkt.

Sie sieht die Zeit an sich vorüberziehen
sie wickelt Locken kämmt Wörter harkt Wege
umgarnt ihr einsames Herz

Der Regen fällt durch die löchrigen Stockrosenblätter
ihr vor die Füße

Geburtstag!

Das blaue komma ist nun ziemlich genau ein Jahr alt! Die ersten Einträge veröffentlichte ich im April 2018. Ein Jahr ist vergangen, wieder ist April, wieder ist Frühling. Wir können ganz untätig sein – und die Zeit vergeht doch. Wir können ganz viel hineinpressen in die Zeit – und sie vergeht doch. Sie ist flüchtig. Nicht fassbar. Außer an Zeichen um uns herum.

Wenn wir inne/halten, können wir sie vielleicht für einen Moment an/halten, die Zeit. Zum Beispiel jetzt. Den Blick Richtung Fenster wenden und hinausschauen. Was gibt es zu sehen? Was sagt der Himmel? Können wir den Zilpzalp entdecken oder die Meise zwischen all dem lärmenden Weltengetöse? Das Schneckenhaus, so still und doch voller Leben? – Sich selbst anhalten hilft manchmal beim Wundern.

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Gelb-Grün-Idyll. 2016

Eine neue Zeit

Flugzeuge zerschneiden das frühe,
helle Blau des Himmels –
auf dem Weg sein, irgendwohin,
am besten weit weg.

Du schaust den Fliegern nach, wie sie
langsam aus deinem Blickfeld verschwinden.
Eine Drossel kommt zu Besuch für
die Reste des winterlichen Vogelfutters.

Die Schatten der vertrockneten
Sommerblumen aus dem letzten Jahr
zittern im Wind,
Spinnfäden glitzern im Licht.

Eine neue Jahreszeit beginnt.
Du bist wach,
du träumst –

wie die Sonne dir ein feines reines Kleid webt,
wie das Grün dir neue Schuhe schustert,
wie die Obstbäume blühen für deine Nahrung,
wie der Himmel sich wölbt für deine Geborgenheit.

Das Prisma funkelt regenbogenfarben,
eine neue Zeit beginnt.
Schatten zittern im Wind,
weiße Blütenblätter segeln.