Auf ein Neues

Da wären wir – willkommen im neuen Jahr!
Heute möchte ich nicht viele Worte machen von Vorsätzen und solchen Dingen, sondern das Datum 2. Januar 2020 für sich wirken lassen. Tag 1 ist schon vollbracht, und so geht es weiter und weiter – und mit etwas Glück ist in diesem Jahr etwas Glück dabei. Das wünsche ich uns allen!
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Jack in the Box? 2019
A wie Neuanfang

All die Bemühungen
stecke ich in einen Karton
stelle ihn ins Archiv

Beginne von Neuem
öffne meinen Mund
meine Stimme ist jung

Das Buntglasfenster meines
Puppenhauses
fängt das Licht

Der gelbe Hund geistert
nicht mehr durch
meine Träume

Innere Wege gehen

Dauernd ist uns kalt, und ob wir einen hellen, freundlichen Herbsttag erwischen, ist derzeit eher Glückssache. Gerade empfinden wir die Heizung und das elektrische Licht als Segen der Zivilisation – aber vielleicht nicht nur, weil sie uns erlauben, den alltäglichen Wahnsinn ohne Unterbrechung fortzusetzen, sondern weil sie uns die Möglichkeit geben, einmal tief auszuatmen, ohne mit dem Überleben beschäftigt zu sein. Wer das so empfinden kann, dem geht es in diesen wirren Zeiten gut.

Und welch Glück kann es dann sein, in früher oder später Dunkelheit in einem Lichtkegel sitzend mit Stift und Papier dem Tag zu begegnen und/oder sich selbst – der eigenen Art, die Welt zu sehen, dem zeitlichen Vor und Zurück, der eigenen inneren Quelle. Worte und Zeichen können uns erden und zur Besinnung bringen. Faszinierend!

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Wortwahl. 2019

Wider den Wust

Geborgen
im Wort, in den
Wörtern, die sich
anschließen, in den
Assoziationen

Geistige Wanderschaft
Worte im Gepäck
Worte wie festes Schuhwerk
keiner Pfütze ausweichend
keinem Morast

Worte wie klares Wasser
Worte wie Brot
Worte für die Rast

Stapfe durch den Wald
der Wörter und entdecke
die Lichtung
Gespinste werden feiner
und kleiner und
kleiner und

Gezeitenzeiten

Das Meer ist immer ein willkommenes Bild für die Bewegtheit (in) der Natur: Ebbe und Flut, ein Gehen und Kommen, eine Weite, wie sie in den Städten nicht zu finden ist, ein freier Himmel, ein freies Atmen. Stille findet sich nicht unbedingt – wenn die Wellen tosen, kann das ziemlich laut sein. Aber manchmal lässt sich dort das Besondere des Alleinseins erleben, wenn da gar niemand ist, nur die Natur und der einzelne Mensch in ihr. Für manche ist das kaum aushaltbar, so mit sich selbst zu sein – für andere ist es eine kostbare und gesuchte Erfahrung.

Das Wasser mag auch – zumal im Herbst – ein Ort für Trübsinniges sein. In die Weite lässt sich viel hineinprojizieren und das Herz will mal all seine Sehnsüchte und Qualen ausschütten, das Alleinsein mag umschlagen in eine Einsamkeit oder eine „Weltentrauer“ vor lauter Grautönen, die sich da draußen auftun. Wie gut, wenn sich dann eine schützende Hülle um uns legt …

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Vorübergehend. 2019

Wolkenwellenwege

Hinausgetrieben aufs offene Meer
bei grauem Himmel
die Horizontlinie verschwimmt

Trauer steigt aus dem Wasser empor
in feinen Wolken kommt sie
auf dich zu und umhüllt dich
wie eine alte Freundin

Bei trübem Wetter zieht es dich
hinaus aufs Meer, in die Kälte,
ins Unwegsame

Regen prasselt auf deinen Kokon aus Algen
grünlich schimmert die Außenwelt
die Wellen tragen dich fort
vielleicht wissen sie, wohin

Du weißt es nicht

Bevorraten Sie sich!

Die Herbst-Tagundnachtgleiche, das Äquinoktium, liegt hinter uns, die Dunkelheit wird sicht- und spürbarer, die letzte Wespe besucht mich hier beim Schreiben noch durchs geöffnete Fenster, dreht eine Runde im Zimmer und verschwindet wieder, unverrichteter Dinge. Merklich verändert sich etwas – noch ist uns die Fülle des Sommers nah, doch hat sich bereits eine Wehmut eingeschlichen. Wenn wir eine frisch gefallene, glänzende Kastanie in die Manteltasche stecken, lässt sich der Herbst nicht mehr leugnen.

In solchen Übergangszeiten werden die Kontraste am deutlichsten: hell und dunkel, Wärme und Kälte, ein Meer von Farben gegen das Vorherrschen erdiger Töne. Also noch schnell das Sammeln beginnen: Licht und laue Lüftchen, wo wir sie finden können!

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Was blüht. 2019

Vergebens?

Noch ein Sonnentag im
Fast-schon-Herbst
Vergnügliche Vögel
Stille im Haus

Ich lasse das Licht in mich
hineinfließen als könnte
ich es speichern für den
Winter

Wie ein Eichhörnchen
wüsste ich dann nicht mehr
wo ich es verbuddelt habe
das Licht, einer Nuss gleich
kleine runde Nahrung gegen den
immerwährenden Hunger

Licht essen
Wärme essen

Wie ein schwarzer Stein aus der Wüste
New Mexicos uralt und wissend, gelassen
speicherte ich die Glut –
wer sollte mir etwas anhaben?

Hinter meinen Augenlidern
leuchtet es orange, seliges Flimmern.
Ich esse das Licht und
das Licht isst mich.

Relative Unschärfe

Manchmal ist Schreiben für mich der Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen, mir Klarheit über etwas zu verschaffen, der Versuch, Dinge, die ich nicht verstehe, schreibend dann doch zu begreifen, Waberndem eine Form zu geben. Das Form(ulier)en ist dabei eine Art Selbstvergewisserung. Autobiografisches Schreiben ist vermutlich so ähnlich: Ich vergewissere mich meines Daseins, meiner Vergangenheit und Gegenwart durch das Notieren von Erinnerungen. Unscharfes soll Konturen erhalten, Vergangenes herangeholt, Flüchtiges bewahrt werden – sinnstiftend möglicherweise.

Mit dem Schreiben kann es auch gelingen, allerlei Dämonen zu bannen und Allerheiligstes zu beschwören – auf weißem Papier und in leeren Räumen zum Beispiel.

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Umkreist. 2018

Spuren auslegen

Im Schreiben
fixiere ich
das Abwesende

Dich
das Licht
oder die Dunkelheit

Im Schreiben
fülle ich das leere Haus
mit Worten

Beschrifte Türzargen
Fensterstürze
Deckenleuchten

Zeichne Leerstellen an die Wand
damit du mich später
wenn du zurückkommst

besser finden kannst.