Was guttut

Im Zeitraum von nur wenigen Wochen scheint unsere Welt aus den Angeln gehoben, fühlen wir unsere Existenz auf verschiedensten Ebenen bedroht, wie es die Nachkriegsgeborenen hierzulande wohl noch nie erlebt haben. Manchmal in diesen Tagen kann ich vor lauter (Zukunfts-)Angst keinen klaren Gedanken fassen. Dann wieder gibt es „lichte“ Phasen, in denen etwas in mir mich mahnt, bei Besinnung zu bleiben. Wie das Wort schon impliziert, geht das am schnellsten über die Sinne: den Duft des Morgentees, die Sonne auf der Haut, das sprießende Grün, das Trällern des Rotkehlchens, der Biss in den Apfel … Die kleinen Dinge bekommen im Moment einen besonderen Stellenwert und können in chaotischen Zeiten einen Hauch Normalität vermitteln.

Zwei schöne „Daten“ folgen gerade direkt aufeinander: der Frühlingsanfang und der UNESCO-Welttag der Poesie. Und bei aller gebotenen Aufmerksamkeit für die aktuellen Ereignisse und die täglich neuen Konsequenzen möge uns alle ein Gespür für das, was Geist, Seele und Körper jetzt guttut, begleiten. Das kann ein Gedicht sein, ein Glanzbildchen oder vielleicht sind es ein paar gewebte Sonnenstrahlen.

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Daffodils & friends. 2020

Frühlingsflüstern

Du webst mir ein Tuch aus Sonnenstrahlen
Du färbst meine Füße grün
Still betrachte ich deine Wunder
Du webst mir ein Tuch aus Sonnenstrahlen
Das Weberschiffchen ist mein Zuhaus
Flitzt frohgemut durch goldne Fäden
Nun trage ich ein Tuch aus Sonnenstrahlen
und färbe meine Füße grün

Wohin die Reise geht

Unsere Wege sind nicht immer eindeutig – wir versuchen zu planen, uns zu coachen, irgendwie die Kontrolle über unser Leben zu erlangen und zu behalten. Aber manchmal sehen wir doch den Wald vor lauter Bäumen nicht, drohen stecken zu bleiben im Dickicht der Möglichkeiten, fühlen uns getrieben, ohne das Ziel zu kennen. Und je älter wir werden, desto drängender sind vielleicht die Fragen, ob wir immer den richtigen Weg gewählt haben oder ob wir an irgendeiner Stelle falsch abgebogen sind. Haben wir etwas verpasst? Und was machen wir mit der verbleibenden Wegstrecke, von der wir vermutlich nicht mal wissen, wie lang sie sein wird?

Locker bleiben, sagt da eine Stimme in uns. Und all die Ratgebersprüche gesellen sich rasch dazu: Ganz entspannt im Hier und Jetzt! Der Weg ist das Ziel! Gelassen glücklich! – Doch „einfach nur“ einen Fuß vor den anderen zu setzen, das ist manchmal ganz schön schwer. Gerade wenn wir nicht genau wissen, wohin die Reise gehen soll. Dann ist die Herausforderung, sich selbst und irgendeinem großen Ganzen zu vertrauen, von dem wir ein Teil sind. Kein Weg ist nutzlos. Selbst wenn wir in Stille sind, ist Be/weg/ung. Denn unser Herz schlägt und der Atem fließt. Das ist Leben.

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Aufbruch. 2018

gehen, ging, gegangen

Wege wagen
kriechen hüpfen laufen tanzen
verzweigt verworren verschlungen
vorwärts
verspätet verzagt vergnügt
Abwege Umwege Irrwege Schleichwege
Mittelwege, goldene
Sackgassen
Wegesränder Wegerich
Anfang Ende
Start Ziel
schnell schnell
blinder Fleck
Landkarte aus Lackmuspapier

geh ich los oder bleib ich steh’n
ich will das Ferne von Nahem seh’n

Wert-Schätzung

Der Januar ist fast vorüber, eilig, eilig gehen die Tage und bescheren uns so einiges: Vielleicht haben wir schon Ärger gehabt, Langeweile oder Furcht erlebt oder eine große Freude. Hin und wieder im Laufe des Tages nehme ich mir ein paar Minuten Zeit, wechsle meinen Platz und schaue einfach aus dem Fenster. Das gibt mir die Möglichkeit, etwas Abstand zu gewinnen von all dem Wichtigen, das unbedingt gefühlt oder getan werden muss.

Wie wichtig ist wichtig? Wie wichtig ist, dass ICH all das vermeintlich Wichtige tue? Wie wichtig bin ich? – Manchmal ertappen wir uns dabei, die „ganz großen Fragen“ zu stellen, vielleicht um uns in unserem Dasein zu verorten oder ein Gedankenspiel zu spielen oder um uns selbst auf die Spur zu kommen. Sollten wir dabei zu sehr auf Abwegen unterwegs sein, hilft es, die Augen offen zu halten. So mag die Aufschrift einer Briefkastenklappe in unser Blickfeld geraten: „Nur Liebesbriefe“ steht da! Unser spontanes Lächeln bringt uns wieder ins Lot. Nur Liebesbriefe – schreiben Sie doch heute einen an sich selbst (wissen Sie noch, wie Ihre Handschrift aussieht?)! Und schicken Sie ihn sich unbedingt mit der Post!

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*freu*. 2019

Bemessungsgrundlage

Die eigene Schwere
bemessen
wie viel wiegt es
auf der Welt zu sein
am Leben zu sein

Die eigene Schwere
bemessen
den eigenen Wert

Leg ich da ein
Maßband an
oder stelle ich mich
auf den Kopf

Die eigene Schwere
bemessen
Wen frag ich
Fehlte etwas ohne mich
wie viel wiegt
meine Anwesenheit

Ich werfe eine klirrende
Münze in die Waagschale
und einen Mantelknopf dazu
aus Hornimitat
doch das reicht noch nicht

wie viel es wiegt
lebendig zu sein

Auf ein Neues

Da wären wir – willkommen im neuen Jahr!
Heute möchte ich nicht viele Worte machen von Vorsätzen und solchen Dingen, sondern das Datum 2. Januar 2020 für sich wirken lassen. Tag 1 ist schon vollbracht, und so geht es weiter und weiter – und mit etwas Glück ist in diesem Jahr etwas Glück dabei. Das wünsche ich uns allen!
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Jack in the Box? 2019
A wie Neuanfang

All die Bemühungen
stecke ich in einen Karton
stelle ihn ins Archiv

Beginne von Neuem
öffne meinen Mund
meine Stimme ist jung

Das Buntglasfenster meines
Puppenhauses
fängt das Licht

Der gelbe Hund geistert
nicht mehr durch
meine Träume

Innere Wege gehen

Dauernd ist uns kalt, und ob wir einen hellen, freundlichen Herbsttag erwischen, ist derzeit eher Glückssache. Gerade empfinden wir die Heizung und das elektrische Licht als Segen der Zivilisation – aber vielleicht nicht nur, weil sie uns erlauben, den alltäglichen Wahnsinn ohne Unterbrechung fortzusetzen, sondern weil sie uns die Möglichkeit geben, einmal tief auszuatmen, ohne mit dem Überleben beschäftigt zu sein. Wer das so empfinden kann, dem geht es in diesen wirren Zeiten gut.

Und welch Glück kann es dann sein, in früher oder später Dunkelheit in einem Lichtkegel sitzend mit Stift und Papier dem Tag zu begegnen und/oder sich selbst – der eigenen Art, die Welt zu sehen, dem zeitlichen Vor und Zurück, der eigenen inneren Quelle. Worte und Zeichen können uns erden und zur Besinnung bringen. Faszinierend!

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Wortwahl. 2019

Wider den Wust

Geborgen
im Wort, in den
Wörtern, die sich
anschließen, in den
Assoziationen

Geistige Wanderschaft
Worte im Gepäck
Worte wie festes Schuhwerk
keiner Pfütze ausweichend
keinem Morast

Worte wie klares Wasser
Worte wie Brot
Worte für die Rast

Stapfe durch den Wald
der Wörter und entdecke
die Lichtung
Gespinste werden feiner
und kleiner und
kleiner und