Auf und davon

Auch wenn es bei uns inzwischen einige Lockerungen gibt im gesellschaftlichen Corona-Leben, sind wir weiter aufgerufen zur Geduld. Allerdings scharrt innerlich schon merklich etwas mit den Hufen, hat keine Lust mehr auf die Zwei-Meter-Abstandsregel allerorten, will zur Normalität zurückkehren. Doch gibt es vermutlich kein „Zurückkehren“, eher ein langsames Hinkommen zu etwas Neuem, von dem wir so recht noch keine Vorstellung haben.

Mich ergreift da hin und wieder durchaus das Bedürfnis, mich auf und davon zu machen, mich an andere Orte zu träumen, in friedliche Zeiten. So bin ich noch mit der Eremitin unterwegs, erkunde die Sehnsucht nach (Zu-)Flucht – und nach „Bodensatz“: Ich möchte mich absenken, aus dem Strudel ins Sediment trudeln und in einer hörbaren Stille neue Kräfte sammeln.

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Allerlei Einerlei. 2017

die eremitin II – weitab

in den bergen
in früher morgenstunde
im ersten licht
dampfender tee
stille der nacht noch
stille des tages schon
gämsenhufe im gestein

die stille strömt
in jede zelle jede pore
jeden zwischenraum

gämsenhufe im gestein
das echo einer ameisenstraße
das will ich hören
will unter der grasnarbe lauschen
und in der blüte der küchenschelle
einen tautropfen auf der wimper tragen
verdunstend im unendlichen

mehr will ich nicht

gämsenhufe im gestein
in den bergen
weitab

Tagundnachtschattengewächse

So vieles ist anders in diesen Tagen und Wochen – und tritt nicht doch schon eine gewisse Krisengewöhnung ein? Der erste Schrecken ist vorüber, der Körper sendet nicht mehr dauernd „Alarm!“ und einige erleben diese Zeit sogar als heilsam: raus aus dem Hamsterrad, mal runterkommen, Dinge in Ruhe erledigen, nicht mehr unter Dauerstress. Doch für viele mag es jeden Tag wieder eine Gratwanderung sein: Wie gut komme ich heute klar mit dem Abstandhalten, mit der Tatsache, dass mein soziales Leben – mehr oder weniger von oben verordnet und auf relativ ungewisse Zeit – so eingeschränkt ist? Fällt mir die Decke auf den Kopf oder bin ich froh, mich mal nicht so zu zerfransen in lauter Kontakten hier und da und dort?

Eine Freundin sandte mir in diesen Tagen das Gedicht „Rezept“ von Mascha Kaléko (leicht im Netz zu finden), das so sehr passt in diese unsicheren Zeiten, wie mir scheint. Der Titel der heutigen Zeichnung, „Den eignen Schatten nimm zum Weggefährten“, stammt aus diesem Gedicht. Wir sind mehr als sonst auf uns zurückgeworfen und da ist es hilfreich, sich selbst ganz sympathisch zu finden. Das wünsche ich Ihnen!

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Den eignen Schatten nimm zum Weggefährten. 2020

die eremitin

sie schaut
sie hört
sie schweigt

sie zählt die verwaisten
tretboote am see und die
tauchgänge der haubentaucher
sie wiegt sich in den weiden

sie beobachtet den weg der vögel
setzt einen fuß vor den anderen
lässt ihren mantel im wind wehen
wie flügel

sie schreibt ein wort
sie zieht einen strich
sie vergisst die wochentage
und den wildwuchs ihrer haare

sie schweigt
sie hört
sie schaut
ganz friedlich aus

Was guttut

Im Zeitraum von nur wenigen Wochen scheint unsere Welt aus den Angeln gehoben, fühlen wir unsere Existenz auf verschiedensten Ebenen bedroht, wie es die Nachkriegsgeborenen hierzulande wohl noch nie erlebt haben. Manchmal in diesen Tagen kann ich vor lauter (Zukunfts-)Angst keinen klaren Gedanken fassen. Dann wieder gibt es „lichte“ Phasen, in denen etwas in mir mich mahnt, bei Besinnung zu bleiben. Wie das Wort schon impliziert, geht das am schnellsten über die Sinne: den Duft des Morgentees, die Sonne auf der Haut, das sprießende Grün, das Trällern des Rotkehlchens, der Biss in den Apfel … Die kleinen Dinge bekommen im Moment einen besonderen Stellenwert und können in chaotischen Zeiten einen Hauch Normalität vermitteln.

Zwei schöne „Daten“ folgen gerade direkt aufeinander: der Frühlingsanfang und der UNESCO-Welttag der Poesie. Und bei aller gebotenen Aufmerksamkeit für die aktuellen Ereignisse und die täglich neuen Konsequenzen möge uns alle ein Gespür für das, was Geist, Seele und Körper jetzt guttut, begleiten. Das kann ein Gedicht sein, ein Glanzbildchen oder vielleicht sind es ein paar gewebte Sonnenstrahlen.

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Daffodils & friends. 2020

Frühlingsflüstern

Du webst mir ein Tuch aus Sonnenstrahlen
Du färbst meine Füße grün
Still betrachte ich deine Wunder
Du webst mir ein Tuch aus Sonnenstrahlen
Das Weberschiffchen ist mein Zuhaus
Flitzt frohgemut durch goldne Fäden
Nun trage ich ein Tuch aus Sonnenstrahlen
und färbe meine Füße grün

Wohin die Reise geht

Unsere Wege sind nicht immer eindeutig – wir versuchen zu planen, uns zu coachen, irgendwie die Kontrolle über unser Leben zu erlangen und zu behalten. Aber manchmal sehen wir doch den Wald vor lauter Bäumen nicht, drohen stecken zu bleiben im Dickicht der Möglichkeiten, fühlen uns getrieben, ohne das Ziel zu kennen. Und je älter wir werden, desto drängender sind vielleicht die Fragen, ob wir immer den richtigen Weg gewählt haben oder ob wir an irgendeiner Stelle falsch abgebogen sind. Haben wir etwas verpasst? Und was machen wir mit der verbleibenden Wegstrecke, von der wir vermutlich nicht mal wissen, wie lang sie sein wird?

Locker bleiben, sagt da eine Stimme in uns. Und all die Ratgebersprüche gesellen sich rasch dazu: Ganz entspannt im Hier und Jetzt! Der Weg ist das Ziel! Gelassen glücklich! – Doch „einfach nur“ einen Fuß vor den anderen zu setzen, das ist manchmal ganz schön schwer. Gerade wenn wir nicht genau wissen, wohin die Reise gehen soll. Dann ist die Herausforderung, sich selbst und irgendeinem großen Ganzen zu vertrauen, von dem wir ein Teil sind. Kein Weg ist nutzlos. Selbst wenn wir in Stille sind, ist Be/weg/ung. Denn unser Herz schlägt und der Atem fließt. Das ist Leben.

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Aufbruch. 2018

gehen, ging, gegangen

Wege wagen
kriechen hüpfen laufen tanzen
verzweigt verworren verschlungen
vorwärts
verspätet verzagt vergnügt
Abwege Umwege Irrwege Schleichwege
Mittelwege, goldene
Sackgassen
Wegesränder Wegerich
Anfang Ende
Start Ziel
schnell schnell
blinder Fleck
Landkarte aus Lackmuspapier

geh ich los oder bleib ich steh’n
ich will das Ferne von Nahem seh’n

Wert-Schätzung

Der Januar ist fast vorüber, eilig, eilig gehen die Tage und bescheren uns so einiges: Vielleicht haben wir schon Ärger gehabt, Langeweile oder Furcht erlebt oder eine große Freude. Hin und wieder im Laufe des Tages nehme ich mir ein paar Minuten Zeit, wechsle meinen Platz und schaue einfach aus dem Fenster. Das gibt mir die Möglichkeit, etwas Abstand zu gewinnen von all dem Wichtigen, das unbedingt gefühlt oder getan werden muss.

Wie wichtig ist wichtig? Wie wichtig ist, dass ICH all das vermeintlich Wichtige tue? Wie wichtig bin ich? – Manchmal ertappen wir uns dabei, die „ganz großen Fragen“ zu stellen, vielleicht um uns in unserem Dasein zu verorten oder ein Gedankenspiel zu spielen oder um uns selbst auf die Spur zu kommen. Sollten wir dabei zu sehr auf Abwegen unterwegs sein, hilft es, die Augen offen zu halten. So mag die Aufschrift einer Briefkastenklappe in unser Blickfeld geraten: „Nur Liebesbriefe“ steht da! Unser spontanes Lächeln bringt uns wieder ins Lot. Nur Liebesbriefe – schreiben Sie doch heute einen an sich selbst (wissen Sie noch, wie Ihre Handschrift aussieht?)! Und schicken Sie ihn sich unbedingt mit der Post!

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*freu*. 2019

Bemessungsgrundlage

Die eigene Schwere
bemessen
wie viel wiegt es
auf der Welt zu sein
am Leben zu sein

Die eigene Schwere
bemessen
den eigenen Wert

Leg ich da ein
Maßband an
oder stelle ich mich
auf den Kopf

Die eigene Schwere
bemessen
Wen frag ich
Fehlte etwas ohne mich
wie viel wiegt
meine Anwesenheit

Ich werfe eine klirrende
Münze in die Waagschale
und einen Mantelknopf dazu
aus Hornimitat
doch das reicht noch nicht

wie viel es wiegt
lebendig zu sein