Entwurf

Früher hieß es Tafel, heute heißt es Whiteboard: Wir schreiben etwas hin und wischen es wieder weg. – Das Flüchtige interessiert mich mehr als das Statische, das Filigrane mehr als das Kolossale. Vielleicht ist es mein Kümmerinstinkt: Um das Große, Mächtige, Stabile muss ich mich nicht sorgen, es kommt allein zurecht. Obwohl wir auch an Bauwerken wie Notre-Dame sehen, wie verwundbar selbst das Große ist.

Wie viele Bogen Papier braucht es, wie viele Zuckungen der Löschtaste, bis etwas „steht“: eine Zeichnung, ein Text? Es zeigt uns, dass es der Moment ist, der zählt. Jetzt schreibe ich diesen Beitrag, den ich morgen vielleicht verwerfe. Und doch will ich ja bewahren, will schreibend bleiben. Ein nicht zu lösendes Dilemma?

Alternativer Bildtex

rechzim. 2016

vorübergehend

die Tafel an der Wand
schreiben und verwischen
vorübergehende Zeichen
festhalten was los will

schreiben und verwischen
Kreide statt Permanentmarker
nicht lichtecht
nicht wasserfest

jede Minute jedes Ticken
jeder Atemzug:
Kreide

Erdreich

Der Sommer ist da, und wer konnte, hat dieses Jahr eh schon häufig Zeit im Garten und in der Natur verbracht, zumal vieles andere nicht möglich war. Ich las neulich eine kleine Weisheit von unbekannt, die da lautet: „Einer der schönsten Wege zu uns selbst führt durch den Garten.“ Ist damit die schweißtreibende Arbeit gemeint, die es erfordert, einen Garten anzulegen und zu pflegen, oder eher die (innere) Stille, die so ein Fleckchen Erde vermitteln kann – am besten morgens um halb sieben, wenn die Welt noch halbwegs schläft, nur die Vögel schon lange wach sind und die Landschnecken sich wieder ins Unterholz verkrochen haben?

Mein heutiger poetischer Text hat nur sieben Zeilen, die mir jedoch immer wieder ein friedliches Bild vor Augen bringen. Kommen wir zu uns selbst in solchen grünen, erdreichen Momenten? Und was ist mit denen, die gar keinen Garten haben (so wie ich)? Das Zauberwort heißt: Imagination!

Alternativer Bildtex

Hortus conclusus. 2018

idylle, fraglos

kniehoch das gras
äsende tiere
kein unglück in sicht
stattdessen licht
und alte
obstsorten

Weh und Ach

Schmerz kann physisch sein oder psychisch oder beides zugleich. Wir befinden uns nach wie vor in einer schwierigen Zeit, die uns vielleicht als Verspannung im Nacken sitzt, uns Kopfschmerzen bereitet oder Trauer- und Verlustgefühle aktiviert.

Den Blick aufs Positive zu richten ist wichtig, weil es hilft, wieder mehr in die Balance zu kommen. Doch darf auch das tiefe Seufzen erlaubt sein darüber, dass die Dinge sind, wie sie sind, und über die Schmerzen und Ängste, die mit uns sprechen wollen. Seufzen erleichtert das Herz, probieren Sie es aus!

Alternativer Bildtex

Grau-Grün-Gleichzeitigkeit. 2020

Könnte gut sein

Ziehst die Schultern hoch
seufzt tief
spürst den Schmerz
der sitzt zwischen den Zellen
in den Frei-Räumen
die nicht mehr frei sind
weil da sitzt jetzt der Schmerz

Kühl ist der Morgen, sonnig
könnte alles gut sein
in einem anderen Leben
zu einer anderen Zeit

Im Seufzen fließt heraus
was über-flüssig
sollst nicht ertrinken im Schmerz
zwischen
den Zellen
zwischen
den Zeilen

Auf und davon

Auch wenn es bei uns inzwischen einige Lockerungen gibt im gesellschaftlichen Corona-Leben, sind wir weiter aufgerufen zur Geduld. Allerdings scharrt innerlich schon merklich etwas mit den Hufen, hat keine Lust mehr auf die Zwei-Meter-Abstandsregel allerorten, will zur Normalität zurückkehren. Doch gibt es vermutlich kein „Zurückkehren“, eher ein langsames Hinkommen zu etwas Neuem, von dem wir so recht noch keine Vorstellung haben.

Mich ergreift da hin und wieder durchaus das Bedürfnis, mich auf und davon zu machen, mich an andere Orte zu träumen, in friedliche Zeiten. So bin ich noch mit der Eremitin unterwegs, erkunde die Sehnsucht nach (Zu-)Flucht – und nach „Bodensatz“: Ich möchte mich absenken, aus dem Strudel ins Sediment trudeln und in einer hörbaren Stille neue Kräfte sammeln.

Alternativer Bildtex

Allerlei Einerlei. 2017

die eremitin II – weitab

in den bergen
in früher morgenstunde
im ersten licht
dampfender tee
stille der nacht noch
stille des tages schon
gämsenhufe im gestein

die stille strömt
in jede zelle jede pore
jeden zwischenraum

gämsenhufe im gestein
das echo einer ameisenstraße
das will ich hören
will unter der grasnarbe lauschen
und in der blüte der küchenschelle
einen tautropfen auf der wimper tragen
verdunstend im unendlichen

mehr will ich nicht

gämsenhufe im gestein
in den bergen
weitab

Tagundnachtschattengewächse

So vieles ist anders in diesen Tagen und Wochen – und tritt nicht doch schon eine gewisse Krisengewöhnung ein? Der erste Schrecken ist vorüber, der Körper sendet nicht mehr dauernd „Alarm!“ und einige erleben diese Zeit sogar als heilsam: raus aus dem Hamsterrad, mal runterkommen, Dinge in Ruhe erledigen, nicht mehr unter Dauerstress. Doch für viele mag es jeden Tag wieder eine Gratwanderung sein: Wie gut komme ich heute klar mit dem Abstandhalten, mit der Tatsache, dass mein soziales Leben – mehr oder weniger von oben verordnet und auf relativ ungewisse Zeit – so eingeschränkt ist? Fällt mir die Decke auf den Kopf oder bin ich froh, mich mal nicht so zu zerfransen in lauter Kontakten hier und da und dort?

Eine Freundin sandte mir in diesen Tagen das Gedicht „Rezept“ von Mascha Kaléko (leicht im Netz zu finden), das so sehr passt in diese unsicheren Zeiten, wie mir scheint. Der Titel der heutigen Zeichnung, „Den eignen Schatten nimm zum Weggefährten“, stammt aus diesem Gedicht. Wir sind mehr als sonst auf uns zurückgeworfen und da ist es hilfreich, sich selbst ganz sympathisch zu finden. Das wünsche ich Ihnen!

Alternativer Bildtex

Den eignen Schatten nimm zum Weggefährten. 2020

die eremitin

sie schaut
sie hört
sie schweigt

sie zählt die verwaisten
tretboote am see und die
tauchgänge der haubentaucher
sie wiegt sich in den weiden

sie beobachtet den weg der vögel
setzt einen fuß vor den anderen
lässt ihren mantel im wind wehen
wie flügel

sie schreibt ein wort
sie zieht einen strich
sie vergisst die wochentage
und den wildwuchs ihrer haare

sie schweigt
sie hört
sie schaut
ganz friedlich aus