Im Kleinen fürs Große

Herbst. Kaum beginnt der Tag, wird es auch schon wieder dunkel. Dazu der Regen. Wozu rausgehen? Ich habe mir den Kopfhörer aufgesetzt und lasse meine Gedanken von ruhiger Klaviermusik (Philip Glass) begleiten, betrachte das Foto eines Blattes – es ist hier unten zu sehen –, das ich neulich in einem kleinen, schon herbstlich strubbeligen Garten machte, weil mich das Muster so faszinierte. Es ist eine Rebe vermutlich, die Farben befinden sich auf dem Rückzug, sie bilden kleine Inseln aus Rosa und Grün in der hellgelben Fläche. Erstaunlich, was die Natur so hervorbringt. Und inspirierend, denn ich denke gleich daran, das zufällige Muster zu „kopieren“, mich davon für eigene Zeichnungen anregen zu lassen.

In einem Workshop zu „Neurografik und Ikigai“ (bei Jean von Allwörden) lernte ich vor ein paar Tagen die 5 Säulen des Ikigai (Ken Mogi) kennen. Bisher kannte ich von dieser japanischen Philosophie der Lebenskunst nur das Schaubild mit den sich überschneidenden Kreisen, von den 5 Säulen hatte ich noch nicht gehört. Eine dieser Säulen lautet „Die Freude an kleinen Dingen entdecken“. Dass mir in dem Garten dieses Blatt begegnete und ich auf es aufmerksam wurde, war eine Freude an einem „kleinen Ding“, ganz kostenfrei, am Wegesrand, während ich versuchte, absichtslos unterwegs zu sein.

Ist das banal? Da draußen brennt die Welt und ich beschäftige mich mit einem Herbstblatt?! „Harmonie und Nachhaltigkeit leben“ heißt eine weitere Säule. Es klingt so simpel und ist so schwer. Vielleicht kann ich an den kleinen Dingen die Harmonie üben, kann an ihnen spüren, dass ich mit der „ganzen Welt“ verbunden bin. Dann bin ich aber auch mit den Kriege(r)n und den Herrschsüchtigen verbunden und mit denen, die sagen und es auch so meinen: „Nach mir die Sintflut.“ Allein kann ich die Welt nicht retten. Aber ich kann mich um eine Befriedung im Kleinen und in mir selbst bemühen, um friedlich – in Frieden und für Frieden – nach außen zu wirken.

Da mosert nun eine innere Stimme, dass ich mal wieder predige. Ja, sorry, aber ist es nicht auch interessant, ausgehend von der Beschreibung eines Herbstblattes zum Weltfrieden zu gelangen? So vieles verbirgt sich also in den kleinen Dingen. Faszinierend und ein Grund, „am Ball“ zu bleiben.

Alternativer Bildtex

Farbinseln.

Wandlung

Blätter gelb
Himmel grau
Licht diesig
Vögel rar
Wind böig

die Dunkelheit wird dunkler
der Schreibtisch wird zur Höhle
Abschiedsmodus

Missgeschicke

Neulich hatte ich eine Phase von ein paar Tagen, in denen mir einiges zu Bruch ging – das Glas eines Bilderrahmens, eine schöne Vase, ein gerade frisch gefüllter Teebecher –, und ich fragte mich, was mit mir los ist oder ob es sich nur um zufällige Unachtsamkeiten handelte.

Wenn etwas kaputtgeht, erlebe ich das meist als schmerzhaft. Ein Teil zerschellt auf dem Fußboden in tausend Stücke. Kintsugi – die japanische Tradition, auf sehr ästhetische Weise Keramik zu reparieren – hilft mir da nicht weiter, weil es einfach zu viele Teile sind. Ich muss akzeptieren, dass etwas nicht zu kitten ist – und oftmals auch nicht nachzukaufen. Die Vase hatte ich in einem Trödelladen erstanden, ein Einzelstück, das ich nun auch noch der Welt entrissen habe sozusagen. Mir wird in solchen Momenten bewusst, wie fragil vieles ist, wie zerbrechlich und damit kostbar.

Wie fragil auch unser Leben ist, unser Körper, unsere Seele, unser Miteinander. Wir sind vor Verlusten nicht gefeit – und vermutlich ist es gut, dass uns das nicht permanent bewusst ist. Hin und wieder stößt uns das Leben selbst darauf, manchmal eben durch das Zerschellen einer Blumenvase.

Alternativer Bildtex

Glücksboten?

Scherbenhaufen

auseinandergebrochen
entzweigegangen
geborsten
geplatzt
gesplittert
hinüber
in Stücke gegangen
kapores
kaputt
lädiert
ramponiert
ruiniert
zerborsten
zerbrochen
zerplatzt
zerschmettert
zersprungen
zerstört
zu Bruch gegangen

Kurzum: unwiederbringlich im Eimer

Über die Wirkmacht des Unsichtbaren

Der Juli ist vorbei und hatte Tage darunter, die mir eher wie Herbst vorkamen. Doch im Unterschied zum Herbst ist jetzt die Hoffnung auf sonnigere Phasen noch berechtigt, ich sehe gerade nach einem grauen Morgen den blauen Himmel durch die fast weißen Wolken blitzen und alles fühlt sich etwas leichter an.

Was mir in diesen mehr oder weniger Sommerwochen zudem eine gewisse Heiterkeit beschert, ist der Wind, den ich auch jetzt gerade im Ahorn vorm Fenster beobachte, wie er die Blätter und die feineren Äste in Wallung bringt. Wie schön, dass etwas Unsichtbares so viel spielerische Bewegung hervorbringen kann (die zerstörerische Kraft von Orkanen etc. wollen wir heute einmal außer Acht lassen).

Psychologisch betrachtet, ist das Unsichtbare ja oft eher heikel, weil es sich unmerklich anschleicht oder sowieso sein Unwesen treibt im Innern. Wenn mich so etwas Unausgegorenes überkommt, tut es mir gut, mich nach draußen zu begeben, Körper und Geist mit „der Welt“ zu konfrontieren und die Sinne zu aktivieren. Und wenn dann noch ein Wind mich umweht, kann ich befreit ausatmen. Daher heute eine poetische „Hommage an den Sommerwind“.

Alternativer Bildtex

In den Lüften.

Für einen Moment

Sommerwind
wirbelt ihr durchs Haar
umstreicht ihr Gesicht
ihren Hals
lässt das Tuch flattern

Sommerwind
sie atmet ihn
sie taucht in ihn ein
er nimmt die Schwere mit
luftiges Element

Sommerwind
er kennt ihre Sehnsucht
er trägt sie mit sich fort
wer wäre nicht gern ein Mauersegler
allein schon wegen der Rufe

Auswählen und komponieren

In meine letzthin entstandene Collage hat sich das Adjektiv „zärtlich“ geschlichen. Das Wort stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet da „anmutig, liebevoll, weich“. Ob die hier gezeigte Collage anmutig ist, dazu äußere ich mich mal nicht, doch dass die Tätigkeit des Collagenerstellens etwas Liebevolles und Weiches haben kann, das unterschreibe ich gern.

Es ist Sommer, ich habe die Balkontür geöffnet und an mein Ohr dringt eine Collage akustischer Art: Stimmengewirr und Gelächter mischt sich mit vereinzeltem Vogelgesang, mit Motorenlärm, Geschirrgeklapper, Rufen und dem Rauschen der Ahornblätter im aufkommenden Wind. Wohlklang oder Kakofonie? Das kommt auf meinen Ruhe- bzw. Stresspegel an.

Was mich an Collagen interessiert, sind die Überlagerungen, die dem Bild eine Tiefe geben und Geschichten erzählen können. Manches ist ganz zu sehen, anderes nur in Ausschnitten, Andeutungen. So vieles ist gleichzeitig da – wie eben auch in dem, was ich gerade höre. Oder was ich sehe, wenn ich durch die Straßen gehe. Ich wäre schnell überfordert, würde ich alles gleichzeitig und in derselben Intensität wahrnehmen. Etwas in mir trifft eine Auswahl, filtert vermeintlich Wichtiges von Unwichtigem, Interessantes von Uninteressantem. Auch im Collagieren treffe ich eine Auswahl, was oftmals kein leichtes Unterfangen ist, weil so viel Material zur Verfügung steht und alles mich ruft. Beim Komponieren verhalte ich mich dann meist intuitiv, habe kein vorher überlegtes Thema, das ich umsetzen will. Und doch ist es nicht beliebig, was letztlich aufs Papier kommt und wie ich es anordne.

Beim Schreiben ist es für mich ähnlich. Ich fange an und im Schreiben entwickelt sich etwas, von dem ich vorher noch nichts wusste. Wie können Wortcollagen gelingen, Collagengedichte? Ist Schreiben nicht eher eine Aneinanderreihung als eine Überlagerung? Wie in den Bildern mögen es Bruchstücke sein, Fragmente, auch einzelne Schönheiten, die aufs Papier kommen und in ihrer Gesamtheit doch ein vollständiges „Sprachbild“ ergeben.

Sieben Buchstaben hat die „Collage“ – und ich mache daraus ein einfaches Akrostichon. Das könnte mal ein Anfang sein für etwas Größeres.

Alternativer Bildtex

Komposition G12-Zx (Ausschnitt).

Cosmea
Ohrenkneifer
Laubsänger
Lavendel –
Atmender
Garten
Eden

Gedanken über das Wachsen

Der Mai ist die Zeit des Spargels, der ersten Erdbeeren, der Maiglöckchen – und auch die Zeit der Pfingstrosen. Neulich kaufte ich bei einem Floristen (nur) 5 von ihnen, noch ganz geschlossen und für eine Unsumme. Wirklich, ich erschrak, als er mir den Preis nannte. Aber nun gut, dachte ich, beiße ich in den sauren Apfel und hoffe, sie sind ihr Geld wert.

Und tatsächlich: Nun, nach ein paar Tagen, zeigt sich eine üppige Blütenpracht – 5 sind da wirklich genug in der Vase, so ausladend präsentieren sich die hellrosa Pfingstrosen-Blütenblätter und verströmen ihren feinen Duft in der kleinen Wohnung. Sie begrüßen mich sozusagen, wenn ich zur Tür hereinkomme, und täglich erfreue ich mich an ihrem Anblick und begutachte, ob auch die letzten beiden noch recht geschlossenen Knospen sich öffnen wollen.

Warum halte ich das für eine Erwähnung wert? So ist das eben im Frühling und Sommer, dass die Pflanzen ihre volle Pracht entwickeln zu unserer Freude. Dennoch scheint es mir ein Wunder, dass aus einer fest geschlossenen Kugel sich etwas entwickelt, das mindestens dreimal so groß ist und aus unzähligen Blättern besteht, die vorher gänzlich unsichtbar waren (bis auf drei vielleicht). Der Reiz besteht in dem Beobachten des Wachstums, der Entwicklung. Täglich passiert etwas, verändert sich. Und wenn dann die volle Blüte da ist – ist auch gleich die Vergänglichkeit nicht weit. Wenn der Höhepunkt des Wachstums erreicht ist, kann es nur „bergab“ gehen, zurück in die Erde sozusagen.

Was mich selbst angeht, so habe auch ich meinen Zenit überschritten (schon allein von den Lebensjahren her), was mir mal mehr, mal weniger bewusst ist. Vor allem war mir der Zenit als solcher nicht bewusst. Vermutlich lässt sich ein Menschenleben aber nicht so eins zu eins mit einem Pflanzenleben vergleichen. Weil es in einem Menschenleben mehr Höhen und Tiefen gibt, weil auch nach dem Überschreiten des Zenits sich Wachstum auf einer anderen Ebene als der körperlichen zeigen kann. Und möglicherweise werde ich bis zum Ende meines Lebens damit beschäftigt sein, noch wachsen zu wollen (in die Fragen und in die – letzte – Antwort hinein, um mal wieder Rilke zu bemühen). Oder ist der Lebenshunger irgendwann gestillt und ich bin „satt“? Ich vermute aber, dass auch in diesem Zustand mich das Wachsen und Vergehen eines Pfingstrosenstraußes besonders berühren wird!

Alternativer Bildtex

Rosarotes Wunder.

Wachsen

größer werden
klüger werden
sich ausdehnen in die
Höhe die Breite die Tiefe
Duft verströmen
Lebenslust
ein großes Ja

Schrumpfen

kleiner werden
senil werden
sich zusammenziehen
um die Mitte herum
Alteleutegeruch
des Lebens müde
das letzte Wort?

Was hier aber fehlt:

die Weisheit des Alters
die Macht der Erinnerungen
die Dehnung der Zeit
der Mut