(Un-)Ordnung

Freundliche Sommertage laden dazu ein, in die Umgebung auszuschwärmen und zu schauen, was so grünt und blüht. Ich stelle fest, dass es immer häufiger Wildblumenwiesen(stückchen) zu entdecken gibt, die in ihrem bunten Durcheinander Erinnerungen wecken an ferne Zeiten, in denen solche Wiesen nicht erst angelegt werden mussten.

Dem gegenüber die gepflegten Gärten in stolzer Pracht. Mein Urbild der Idylle ist das Heraustreten aus meinem Haus am frühen Morgen hinein in meinen „Hortus conclusus“ mit einer Tasse Tee, Tau auf den nackten Füßen etc. Ich habe weder ein Haus noch einen Garten, wohl aber eine Tasse Tee, die mein Sinnieren unterstützt – mein Sinnieren über das Wilde und das Eingezäunte, das scheinbar Unförmige und das Geometrische, die Ordnung und die Un-Ordnung. Vielleicht ist heute ein Tag, einmal auf die Suche zu gehen nach diesen gegensätzlichen Erscheinungsformen, die doch einander bedingen: Was wäre die Ordnung ohne die Unordnung (und umgekehrt)?

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Wildwuchs. 2021

Münsterlandpartie

Entlang der Gartenwege
Ordentlicher Buchsbaum
Hier wird nicht aus der Reihe getanzt

Im Beet sorgsame Bepflanzung
Eines passt zum anderen
Das Auge will erfreut sein

Darin sich tummeln
Bienen, Ohrenkneifer, Schmetterlinge
In alphabetischer Reihenfolge

In der Nacht dann endlich zischen
Fledermäuse in jähem Flug
Scheren sich nicht um Farben und Formen

Kommen aus einer anderen Welt

Nächtlicherweile

Wir erleben gerade die ersten Hochsommertemperaturen im noch Frühling und nachts ist es fast so tropisch wie tagsüber. Möglicherweise macht uns das schlaflos. Sowieso scheint es, dass das Bedürfnis, die Nacht zum Tage zu machen, mancherorts recht ausgeprägt ist angesichts der Lockerungen zum herbeigesehnten Ende des Lockdowns.

Die Nacht ist thematisch ein weites Feld, „nächtlicherweile“ kann alles Mögliche passieren, Stilles und Lautes, Harmloses und Gefährliches, Enge und Weite. Übrigens kannte ich das Wort „nächtlicherweile“ bisher nicht. Nach Duden bedeutet es einfach „bei Nacht, in der Nacht, nachts“. Mit dem naheliegenden Pendant „täglicherweile“ kann der Duden allerdings nicht aufwarten. – Eine kleine Annäherung ans Nächtliche findet sich im heutigen poetischen Text, verbunden mit dem Wunsch, dass die Nacht uns immer wohlgesinnt sein möge.

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Flugverbindung. 2020

Unsichtbar

An bricht der Tag
bricht sich in die Dunkelheit
mehr ein heller Schleier
der über alles sich legt und
am Abend wie von Geisterhand
sich lüftet

Ins Dunkle mich finden
Nachtdiebin
mein schwarzer Mantel
macht mich unsichtbar
wie eine Fledermaus
durch die Lüfte husche
ich und ecke
niemals an

Permanente Veränderung

Zerrinnen uns die Tage zwischen den Fingern und gleicht nicht sowieso ein Tag zu sehr dem anderen in dieser seltsamen Zeit, in der auf kaum etwas Verlass ist und so viele seit Monaten nur auf Sicht fahren? Einige schwanken vielleicht immer wieder zwischen Sorge und Zuversicht, zweifeln, malen schwarz, sehen rot und entscheiden sich beim Optiker gegen die rosarote Brille, weil sie einfach nicht passen will.

Mitzuschwingen mit dem, was ist, ist meist kein leichtes Unterfangen. Sich nicht zu einseitig festzulegen, nicht nur der Sorge, auch der Zuversicht zu erlauben, mal auf einen Tee zu bleiben, das ist die Kunst. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, dass auf den Regen die Sonne folgt. Dennoch ist es ja manchmal so, dass wir einfach furchtbar nass werden und wie begossene Pudel vor einem Dilemma stehen, einem Scherbenhaufen, einem Problem ohne schnelle Lösung. Dann geht es vielleicht um ein Aushalten von Ungewissheit, Kummer, Schmerz, Einsamkeit – was auch immer unsere Freude lähmen mag. Sich daran zu erinnern, dass das Leben permanente Veränderung ist, kann in solchen Situationen tröstlich sein – oder die Untröstlichkeit noch steigern. So befinden wir uns wohl in einem andauernden Lern- und Bewusstwerdungsprozess, ob wir wollen oder nicht. Mir hilft es dann, ein paar Worte zu Papier zu bringen, um mich wieder handlungsfähiger zu fühlen …

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Die Form bannen. 2020

verzagen?

wie ein eiswürfel
schmilzt der tag
hinein ins vergessen

unmöglich den einen ort
die eine zeit festzuhalten
als mein herz
im takt schlug
mit der welt

Schrittweise

So richtig zufrieden sind wir mit dem Frühling noch nicht, es ist noch zu kühl und wechselhaft. Doch manchmal scheint sie ja, die Sonne. Am frühen Morgen habe ich sie besonders gern, wenn sie über den Dächern aufgeht und die Stille erhellt, die hinter den ersten Motorengeräuschen und dem durchdringenden Vogelkonzert liegt.

Die Bäume schlagen aus, wollen blühen jetzt – egal was kommt. Manchmal gelingt es mir, alle sorgenvollen Themen um mich herum auszublenden und mich auf das zu konzentrieren, was ich sehe. Dann hat die Natur eine beruhigende Wirkung auf mich, weil sie dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen folgt – und gerade ist wieder das Werden dran. Und das Werden stimmt mich zuversichtlich, da ist Energie, Kraft und Aufbruchstimmung in jeder Knospe, jedem Korn und Kern. Vieles ist noch zart und „zerbrechlich“, erblickt erst gerade das Licht der Welt und alles ist möglich. Das sind Momente echter Freude, die so rar gesät waren in den letzten Monaten. Ich finde, wir sollten uns dem Frühling anschließen, wachsen und gedeihen, uns verwurzeln, Blätter und Blüten ausbilden, in freundlichen Farben erstrahlen. Versuchen wir’s!

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Zu jeder Jahreszeit. 2021

Zwischen Traum und Tag

Still liegt der Raum
die Sonne wirft Schatten auf die Dinge
die geduldig und desinteressiert ruhen
nur die weißen Tulpen in der Vase streben nach dem Licht

Der Schlafbaum schläft noch in der frühen Kälte
ein Amselpaar jagt sich im Geäst
Stimmen wollen in die Stille drängen
der Tag darf nicht Ruhe sein

Du dehnst den Morgen
du trägst die Stille wie einen Frühlingsmantel
in den Garten hinaus, denn auch du
strebst nach dem Licht

Träum was Schönes

In den Nächten, wenn wir schlafen, führt unser Gehirn ein Eigenleben und sendet uns manchmal die surrealsten Träume. Diese Träume können uns vielleicht etwas über uns selbst erzählen, was wir noch nicht wussten, oder sie können ein Quell weiterführender Ideen sein – für Geschichten, Bilder, Gedichte … In jedem Fall weiten sie den Raum unserer Fantasie und unserer Vorstellungen – in drögen Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, kann uns das nur recht sein.

Träume können uns lehren, über den geblümten Tellerrand zu schauen in ganz andere Welten. Wir treten einen Schritt zur Seite, heraus aus unserem eigenen Schatten: Hey, was gibt es da noch? Was ist unglaublich? Faszinierend? – Vertrauen wir darauf, dass sich mit dem Frühling neue Energien zeigen und dass es immer etwas zu entdecken gibt. Auch nachts. Nachts ist auch Frühling.

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Werdend. 2020

ich träumte
ich träumte ich wachte
ich sah die nacht vergeh’n
schatten sich wandeln
sah nebel aufzieh’n

ich träumte
ich war von tieren umgeben
es war warm
es roch nach dung und staub

ich träumte ich wachte
vier beine hatte ich
tatzen und fell
ich konnte in der dunkelheit seh’n und

ich war wild