Asemic Writing – moderne Hieroglyphen?

Neulich stieß ich in einem Instagram-Post von Samuel Mead (samuelmeadarts) auf den Begriff „asemic writing“. Beim Schauen und Hören des Posts stieg ein großes „?!!“ in mir auf. Das kenne ich doch und das mache ich doch!, dachte ich, aber ich hatte bisher nicht gewusst, dass es dafür einen besonderen Namen gibt. Asemisches Schreiben, asemische Schrift – der Begriff leitet sich ab aus griechisch a- für „un-, nicht“ und sema = Zeichen. Es sind Formen, die aussehen wie Schrift, jedoch keine im klassischen Sinne „lesbaren“ Wörter oder erkennbare Bedeutung beinhalten. In gewisser Weise tue ich also so, als würde ich schreiben, doch es entsteht kein entzifferbarer, begreifbarer Text, eher eine Art flächiges Gewebe. Beim Recherchieren fand ich dafür auch die schöne Formulierung „wortlose Kalligrafie“.

Hand-Werk

Und die Kalligrafie wird es wohl auch gewesen sein, in der ich mich erstmals mit Asemic Writing beschäftigte. Und oft sind es diese Formen und Schnörkel, die intuitiv aus mir herauskommen, wenn ich vor dem leeren Blatt sitze. Da schreibe ich dann auch von rechts nach links und kann sowieso mit links schreiben, was ich eigentlich nicht kann, aber im asemischen Schreiben geht das. Vielleicht zeigt sich darin noch mal mehr die Lust am Schreiben als „Hand-Werk“ im wahrsten Sinne des Wortes, an der fließenden Bewegung der Hand mit dem Stift oder dem Pinsel auf dem Papier. Es kommt nicht auf einen konkreten Inhalt an, sondern auf die Handbewegungen, die Gesten und auf die Neugier, was wohl entsteht.

Fibonacci-Poesie

Als „lyrische Essenz“ des Ganzen findet sich unten eine kleine „Fibonacci-Poesie“, bestehend aus sechs Zeilen mit insgesamt 20 Silben in der Fibonacci-(Zahlen-)Folge 1/1/2/3/5/8. Ausgehend von 0 und 1 ist jede Zahl der Folge die Summe der beiden vorhergehenden Zahlen, das lässt sich also unendlich fortführen. Diese Reihung findet sich in der Mathematik und auch in der Natur (da ist weiteres Recherchieren auf jeden Fall spannend). Ich lernte die Fib, wie sie kurz genannt wird, neulich kennen in der Variante, Wörter statt Silben zu verwenden. Gerne mal ausprobieren!

Einhundert

Zum Schluss möchte ich meiner Freude Ausdruck verleihen, dass dies der 100. Blogbeitrag ist, den ich geschrieben und veröffentlicht habe. Im Frühjahr 2018 bin ich mit dem Blog und dem Newsletter gestartet und empfinde das blaue komma nach wie vor als eine gute Ausdrucksform für mich und das, was ich kreativ so tue. Immer wieder bekomme ich darüber auch freundliche Rückmeldungen, die mich bestärken und für die ich dankbar bin. Und wie dieser Beitrag zeigt, gibt es noch so viel Neues zu entdecken, dass meine Lust an Poesie und Zeichen stetig wachsen möge.

Alternativer Bildtex

Asemische Einblicke.

Unlesbar lesbar

Strich
Schwung
Geste
das Papier
es wartet auf mehr
meiner wunderlichen Zeichen

 

Im Flow mit ruhenden Pferden

Neulich war ich mal wieder unterwegs zu einem Mixed-Media-Workshop, in dem ich die Collage erstellte, die unten zu sehen ist. Ich bediente mich unter anderem des Bildes „Ruhende Pferde“ (1911/12) von Franz Marc und klebte auch etwas Goldpapier hinein. Dann begegnete mir diese Woche ein Text, den ich schon vor ein paar Jahren geschrieben habe und in dem es nicht nur, aber auch um Gold geht, um einen Tupfen Gold (ebenfalls unten zu lesen).

Ruhende Pferde, weite Landschaften – das ist für mich gerade ein Sinnbild meiner Sehnsucht nach Stille und Erholung. Pferde sind so „stattliche“ Tiere, ihre weichen, warmen Nüstern sind sehr besonders, es ist lange her, dass ich in den Genuss kam, Pferdenüstern zu streicheln. Dazu müsste ich mich wohl ins Umland aufmachen. Aber sicher würde ich mich dann nicht der Pleinairmalerei widmen (und wäre damit keine Pleinairistin, das Wort gibt es wirklich), und schon gar nicht würde ich versuchen, ein Pferd zu zeichnen. Dafür reichen meine Zeichenkünste nicht aus.

So erlaube ich mir, mich mit fremden (gemeinfreien) Federn zu schmücken, sie für meine Collage zu verwenden, wie sie sich schön einfügen in den selbst gestalteten Hintergrund und in gewisser Weise „erhöht“ durch die goldfarbenen Papierschnipsel, die den Blick lenken. Mein Dank geht hier an Theresa Rose Großecosmann, mit der ich im Seminar die Komposition besprach und die mir noch einen entscheidenden Tipp gab.

Und wie es das „Lied der Ruhelosen“ ahnen lässt, war das Experimentieren mit unterschiedlichen Farben, Glasflächen und Spachteln wieder ein Vergnügen und ein Abenteuer, weil meist nicht so ganz klar ist, was „am Ende“ dabei herauskommt. Erholung findet dann in dem Sinne statt, dass ich aufs Kreative fokussiert bin, im besten Fall im Flow bin, und alles andere in den Hintergrund tritt. Der Flow scheint mir ein erstrebenswerter Zustand, zumal nicht leicht zu erreichen. Er ist vielleicht das, was ein Musenkuss in Gang zu setzen vermag – und auf den kann mensch ja manchmal lange warten. Hoffen wir, dass uns eher die Muse küsst als ein Pferd, das wäre dann jedenfalls nicht so schmerzhaft …

Alternativer Bildtex

Es fügt sich. 2026

Lied einer Ruhelosen

Ein Bett aus Farben Flächen Formen
aus Schwüngen und Linien
mich hineinlegen
mich umschließen lassen
von Farben Flächen Formen
Schwüngen und Linien

Das Sonnengelb lindert
meinen Schmerz und wärmt
das tiefe Blau weitet mein Herz
das Grün in seinen unendlichen
Schattierungen weckt meine
Zuversicht und das Rot
das tiefe schwere Rot lässt
mich daran denken dass ich
menschlich bin – endlich
Liebe und Tod ist das Rot

Und dann sind da noch
Weiß und Schwarz
Das Schwarz für die Konturen
die Schattenfarbe
Das Weiß für die Zartheit und
die Verblendung das Nebelhafte Ungenaue
Mildernde
Wenn die Farben mit Macht auf mich
einstürmen brauche ich das Weiß
erlaube ich mir eine Unschärfe
eine Pause vom Sehen

Und wie ich so die Farben mit Händen
greife entdecke ich einen Tupfen Gold
im Wirrwarr der Linien
Er ist Medizin dieser Tupfen
der strahlt in seiner Wärme
der allem Chaos den Moment Ruhe gönnt
Ich nehme ihn auf und
stecke ihn mir in den Mund
schmecke dieses ganz ungewohnte
Aroma weiter Landschaft
Er rinnt durch meinen Körper fließt
wie das Blut in jeden Innenwinkel und
gleitet aus meinem rechten Zeigefinger
wieder hinaus zurück aufs Papier

Nun ist sie in mir diese weite Landschaft
in der sich alle Farben spiegeln und auch
das Gold seinen Platz hat etwas versteckt zwar
doch auffindbar

Ein Bett aus Farben Flächen Formen
aus Schwüngen und Linien
das war mein Ausgangspunkt
Der Blick weitet sich in die Landschaft hinein
und der Atem beruhigt sich im Wissen um
diesen einen Tupfen Gold

Schreiben ist Handeln

„Schreiben ist Handeln“, konstatiert Siri Hustvedt zum Ende ihres Buches „Ghost Stories“ (Rowohlt 2026, S. 389). Nun ist sie Schriftstellerin und Essayistin, also ist das Schreiben ihr täglich Brot. Und doch hat mich diese Feststellung in besonderer Weise berührt. Schreiben ist die Möglichkeit, mit einer existenziellen Erfahrung (hier der Trauer) umzugehen, aus der Sprachlosigkeit des Entsetzens, des Nichtglaubenwollens, Nichtfassenkönnens herauszutreten und ins Handeln zu kommen. In diesem Sinne ist Schreiben eine Form von „Selbstwirksamkeit“, um einmal dieses viel zitierte Wort zu bemühen. Ich kann das Erlebte nicht ungeschehen machen, aber ich kann es schreibend für mich verändern, kann es kneten und walken und streicheln und gegen die Wand werfen. In diesem Tun wird es für mich handhabbarer, aushaltbarer und womöglich ein wenig darüber hinaus – denn mit Glück gelingt vielleicht sogar eine neue Perspektive.

Schreiben ist Handeln. In eigenen Trauerprozessen habe ich das erlebt und es zum Teil als Gnade empfunden, schreiben zu können, Worte zu finden, die meine Wahrheit ausdrücken, in denen ich mir meiner selbst gewiss bin und die mich trösten. Handeln kann dann auch sein, hundert Mal das Wort „Trauer“ zu schreiben und zu spüren, was sich verändert, wie ein Muster entsteht, welche Bilder es birgt: „au“ und „rau“ und „Tau“.
Au, sagt mein Herz / so rau ist das Leben / kühlend legt sich Tau / auf meine geschundene Seele
Schon ist ein kleiner Vierzeiler entstanden, der auf einfache Weise ein Gefühl ausdrückt und den Wunsch nach Trost und Zuversicht.

Schreiben ist Handeln. Schreiben ist Veränderung. Auch Trauer ist nicht statisch, sondern wandelt sich, wie sich der trauernde Mensch mit ihr wandelt. Jeder Tag will neu gelebt sein – gerade in Trauerphasen ist das kein leichtes Unterfangen. Siri Hustvedt legt in ihrem Buch Zeugnis davon ab. Deshalb möchte ich diesen Beitrag schließen mit einem weiteren Zitat von ihr über das Schreiben (ebd., S. 310): „Man schreibt nicht darüber, was man schon weiß, sondern darüber, was zu wissen man herausfindet, sobald man es geschrieben hat.“

Alternativer Bildtex

Trost-Ich.

Du

In der Landschaft deiner Hände
in deinen Lebenslinien spazieren gehen
durchs Tal in die Berge
zum höchsten Aussichtspunkt
schaust du über den Hautrand
den Fingerkuppenrand
in die Ferne
wo andere Hände sind
andere Täler und Berge
und Seen aus Regen und Tränen

Die Sonne geht auf über den Kuppen
und deine Finger spielen wie Puppen
miteinander
ehe sie sich igelgleich ballen
zur Faust

Im Gespräch mit mir selbst

Neulich hatte ich mal wieder den Impuls, mir einige Sprachaufzeichnungen anzuhören, die ich hin und wieder mit einer bestimmten App auf dem Smartphone mache. Manchmal nehme ich nur Geräusche auf: Vogelgezwitscher, Kirchenglocken, das Stimmengewirr in einem Café. Manchmal rede ich aber auch, erzähle, wo ich gerade bin und was mir so durch den Kopf geht. Es ist eine Art Selbstgespräch oder eine Tagebuchaufzeichnung, die eben nicht auf dem Papier stattfindet, sondern via Sprechen.

Vielen Menschen geht es ja so, dass sie die Wiedergabe ihrer eigenen Stimme nicht gut hören können. An meine habe ich mich inzwischen gewöhnt, und es weckt besondere Emotionen, mich selbst zu hören, wie ich mir etwas erzähle. Ich bin Zuhörerin meiner eigenen Person und erinnere mich dann meist genau an die Situation, in der ich die Aufzeichnung gemacht habe. So wird aus einer Momentaufnahme mit der Zeit eine Erinnerung. Über das Hören meiner Stimme stellt sich eine gewisse Nähe zu mir selbst ein, Emotionen kommen hoch, wie ich sie auch in der Situation erlebte. Vermutlich so, wie wir uns ein Foto von uns selbst anschauen und uns wieder erinnern an den Anlass und wie es uns ging: eine fröhliche Party, ein ruhiger Waldspaziergang mit einer Freundin oder das lang ersehnte Wiedersehen mit XY.

Ein Besonderes an solchen Sprachaufnahmen und auch am Schreiben ist für mich, dass ich mich selbst anreden kann, dass bestimmte Anteile von mir zum Zuge kommen können, die vielleicht sonst eher den Mund halten müssen, weil sie nicht gehört werden wollen von wiederum einem anderen Anteil, der gerade das Sagen hat. Wie im Schreiben, wenn ich mich mit Stift und Papier einem Problem widme oder einer schwierigen Situation, komme ich über das Sprechen darüber in einen anderen Zustand bzw. wechseln schließlich die „Stimmen“: Aus Zweifeln wird Zuversicht, aus nörgelnder Einsamkeit wird zumindest ein Akzeptieren. Wie ich mich durch manches Schwere hindurchschreibe, kann ich mich durch manches hindurchsprechen. Im Lesen und im Anhören empfinde ich dann Mitgefühl mit mir selbst, wundere mich über den Humor, der hier und da aufblitzt, und freue mich über die Unterstützung, die ich mir selbst geben kann mit diesen „Methoden“. Denn am Schluss meldet sich in 95 Prozent der Fälle die Stimme in mir, die mich ohne Wenn und Aber mag und mir gut zuredet, die Verständnis hat.

Ich finde es immer wieder spannend, mich mit diesen inneren Anteilen und wie sie gerade zueinander in Verbindung oder Nichtverbindung stehen, zu beschäftigen. Manchmal tut es dabei auch ganz gut, die Vogelperspektive einzunehmen und mit etwas Abstand auf die eigenen Dinge zu schauen. Fliegen können wär ja sowieso schön.

Alternativer Bildtex

Neue Dimensionen.

Sprich zu mir
erzähl mir was
weck mich auf und
meine Erinnerungen

Von Ferne höre ich
und sehe
was war
hole es mir heran

So nah bin ich verbunden
mit deiner Stimme
sing mir ein Lied
du freier Vogel

Besondere Begegnungen

Das neue Jahr ist schon zwei Wochen alt, irgendwann hören wir auf, den Menschen ein „frohes neues“ zu wünschen, der Alltag hat wieder Einzug gehalten.

Ich habe mir noch im alten Jahr einen neuen sogenannten Motivstanzer geschenkt, mit dem ich kleine Quadrate „ausstechen“ kann (ähnlich wie Plätzchen aus einem Teig). Dann konzentrierte ich mich eine Zeit lang auf Gesichter in Zeitschriften und Flyern, sammelte die kleinen Ausschnitte und ordnete sie schließlich auf dem Papier an. Wie verschieden sie doch sind, einmalig, individuell.

Wie „einmalig“ wir Menschen wirklich sind, kann uns in der Begegnung mit anderen bewusst werden. Wir tauschen uns aus, erfahren, was anderen widerfährt, was sie davon halten und wie sie damit umgehen. Wir stellen fest, wo wir uns ähnlich sind und wo wir unterschiedliche Ansichten haben. Manchmal müssen wir Toleranz aufbringen im Kontakt mit anderen, manchmal sind wir in unserer „Blase“, fühlen uns darin sicher und wohl und akzeptiert. Und ein anderes Mal treffen wir auf eine Person, die uns etwas ganz Neues und Interessantes zu berichten hat, und wir spüren förmlich, wie unser Horizont sich dehnt.

Kommunikation ist ein weites Feld, zu weit für eine erschöpfende Betrachtung in einem Blogbeitrag. So wähle ich hier und heute nur einen kleinen Ausschnitt (mit runden Ecken). Beim Blick auf das neue Jahr kamen mir nicht allerlei gute Vorsätze in den Sinn, es waren Wünsche, unter anderem der nach Begegnung und Verbindung. Es ist ja nicht immer leicht, die Menschen zu finden, mit denen ein tief(er)gehender Austausch gelingt. Sich wirklich verstanden zu fühlen, ist etwas Besonderes – jedenfalls für diejenigen, die das Bedürfnis danach haben. Small Talk mag das „Schmiermittel“ sein, um mit anderen leicht in Kontakt zu treten. Dass daraus ein inniges Gespräch wird, ist nicht gesagt und vielleicht sogar eher die Ausnahme als die Regel (zumindest für eine nur mäßig begabte Small Talkerin wie mich).

Ich werde jetzt nicht wieder den Schlenker machen zu den „Lenkern“ der Welt, die sich lieber mal zu wirklich ganz ernst gemeinten Friedensgesprächen zusammensetzen sollten, statt weiter die Messer zu wetzen und ihre imaginierten Haben-wollen-Landkarten zu zeichnen. Ich richte meinen Blick hoffnungsfroh nach vorn: Möge dieses Jahr ein Jahr voller tragender Verbindungen und Beziehungen werden; mögen wir immer wieder Menschen begegnen, mit denen wir uns etwas zu sagen haben, und mögen welche darunter sein, die uns verlässlich begleiten in leichten und schwereren Zeiten. Wenn wir uns wirklich einlassen, kann es spannend werden.

Alternativer Bildtex

Same but different.

So übers Jahr

Der Menschen Namen
in den Wald gesprochen

nur kurz einen Hauch
Buchstaben in die
Ewigkeit senden

dein Name ihre Namen
in den Wald gesprochen
flattern wie Vögel
setzen sich nieder ins Geäst
putzen ihr Gefieder

dein Name ihre Namen
bauen Nester
bebrüten neue Gelege
aus Buchstaben und Worten und
Sinn

in den Wald gesprochen
und gehört