Im Gespräch mit mir selbst

Neulich hatte ich mal wieder den Impuls, mir einige Sprachaufzeichnungen anzuhören, die ich hin und wieder mit einer bestimmten App auf dem Smartphone mache. Manchmal nehme ich nur Geräusche auf: Vogelgezwitscher, Kirchenglocken, das Stimmengewirr in einem Café. Manchmal rede ich aber auch, erzähle, wo ich gerade bin und was mir so durch den Kopf geht. Es ist eine Art Selbstgespräch oder eine Tagebuchaufzeichnung, die eben nicht auf dem Papier stattfindet, sondern via Sprechen.

Vielen Menschen geht es ja so, dass sie die Wiedergabe ihrer eigenen Stimme nicht gut hören können. An meine habe ich mich inzwischen gewöhnt, und es weckt besondere Emotionen, mich selbst zu hören, wie ich mir etwas erzähle. Ich bin Zuhörerin meiner eigenen Person und erinnere mich dann meist genau an die Situation, in der ich die Aufzeichnung gemacht habe. So wird aus einer Momentaufnahme mit der Zeit eine Erinnerung. Über das Hören meiner Stimme stellt sich eine gewisse Nähe zu mir selbst ein, Emotionen kommen hoch, wie ich sie auch in der Situation erlebte. Vermutlich so, wie wir uns ein Foto von uns selbst anschauen und uns wieder erinnern an den Anlass und wie es uns ging: eine fröhliche Party, ein ruhiger Waldspaziergang mit einer Freundin oder das lang ersehnte Wiedersehen mit XY.

Ein Besonderes an solchen Sprachaufnahmen und auch am Schreiben ist für mich, dass ich mich selbst anreden kann, dass bestimmte Anteile von mir zum Zuge kommen können, die vielleicht sonst eher den Mund halten müssen, weil sie nicht gehört werden wollen von wiederum einem anderen Anteil, der gerade das Sagen hat. Wie im Schreiben, wenn ich mich mit Stift und Papier einem Problem widme oder einer schwierigen Situation, komme ich über das Sprechen darüber in einen anderen Zustand bzw. wechseln schließlich die „Stimmen“: Aus Zweifeln wird Zuversicht, aus nörgelnder Einsamkeit wird zumindest ein Akzeptieren. Wie ich mich durch manches Schwere hindurchschreibe, kann ich mich durch manches hindurchsprechen. Im Lesen und im Anhören empfinde ich dann Mitgefühl mit mir selbst, wundere mich über den Humor, der hier und da aufblitzt, und freue mich über die Unterstützung, die ich mir selbst geben kann mit diesen „Methoden“. Denn am Schluss meldet sich in 95 Prozent der Fälle die Stimme in mir, die mich ohne Wenn und Aber mag und mir gut zuredet, die Verständnis hat.

Ich finde es immer wieder spannend, mich mit diesen inneren Anteilen und wie sie gerade zueinander in Verbindung oder Nichtverbindung stehen, zu beschäftigen. Manchmal tut es dabei auch ganz gut, die Vogelperspektive einzunehmen und mit etwas Abstand auf die eigenen Dinge zu schauen. Fliegen können wär ja sowieso schön.

Alternativer Bildtex

Neue Dimensionen.

Sprich zu mir
erzähl mir was
weck mich auf und
meine Erinnerungen

Von Ferne höre ich
und sehe
was war
hole es mir heran

So nah bin ich verbunden
mit deiner Stimme
sing mir ein Lied
du freier Vogel

Besondere Begegnungen

Das neue Jahr ist schon zwei Wochen alt, irgendwann hören wir auf, den Menschen ein „frohes neues“ zu wünschen, der Alltag hat wieder Einzug gehalten.

Ich habe mir noch im alten Jahr einen neuen sogenannten Motivstanzer geschenkt, mit dem ich kleine Quadrate „ausstechen“ kann (ähnlich wie Plätzchen aus einem Teig). Dann konzentrierte ich mich eine Zeit lang auf Gesichter in Zeitschriften und Flyern, sammelte die kleinen Ausschnitte und ordnete sie schließlich auf dem Papier an. Wie verschieden sie doch sind, einmalig, individuell.

Wie „einmalig“ wir Menschen wirklich sind, kann uns in der Begegnung mit anderen bewusst werden. Wir tauschen uns aus, erfahren, was anderen widerfährt, was sie davon halten und wie sie damit umgehen. Wir stellen fest, wo wir uns ähnlich sind und wo wir unterschiedliche Ansichten haben. Manchmal müssen wir Toleranz aufbringen im Kontakt mit anderen, manchmal sind wir in unserer „Blase“, fühlen uns darin sicher und wohl und akzeptiert. Und ein anderes Mal treffen wir auf eine Person, die uns etwas ganz Neues und Interessantes zu berichten hat, und wir spüren förmlich, wie unser Horizont sich dehnt.

Kommunikation ist ein weites Feld, zu weit für eine erschöpfende Betrachtung in einem Blogbeitrag. So wähle ich hier und heute nur einen kleinen Ausschnitt (mit runden Ecken). Beim Blick auf das neue Jahr kamen mir nicht allerlei gute Vorsätze in den Sinn, es waren Wünsche, unter anderem der nach Begegnung und Verbindung. Es ist ja nicht immer leicht, die Menschen zu finden, mit denen ein tief(er)gehender Austausch gelingt. Sich wirklich verstanden zu fühlen, ist etwas Besonderes – jedenfalls für diejenigen, die das Bedürfnis danach haben. Small Talk mag das „Schmiermittel“ sein, um mit anderen leicht in Kontakt zu treten. Dass daraus ein inniges Gespräch wird, ist nicht gesagt und vielleicht sogar eher die Ausnahme als die Regel (zumindest für eine nur mäßig begabte Small Talkerin wie mich).

Ich werde jetzt nicht wieder den Schlenker machen zu den „Lenkern“ der Welt, die sich lieber mal zu wirklich ganz ernst gemeinten Friedensgesprächen zusammensetzen sollten, statt weiter die Messer zu wetzen und ihre imaginierten Haben-wollen-Landkarten zu zeichnen. Ich richte meinen Blick hoffnungsfroh nach vorn: Möge dieses Jahr ein Jahr voller tragender Verbindungen und Beziehungen werden; mögen wir immer wieder Menschen begegnen, mit denen wir uns etwas zu sagen haben, und mögen welche darunter sein, die uns verlässlich begleiten in leichten und schwereren Zeiten. Wenn wir uns wirklich einlassen, kann es spannend werden.

Alternativer Bildtex

Same but different.

So übers Jahr

Der Menschen Namen
in den Wald gesprochen

nur kurz einen Hauch
Buchstaben in die
Ewigkeit senden

dein Name ihre Namen
in den Wald gesprochen
flattern wie Vögel
setzen sich nieder ins Geäst
putzen ihr Gefieder

dein Name ihre Namen
bauen Nester
bebrüten neue Gelege
aus Buchstaben und Worten und
Sinn

in den Wald gesprochen
und gehört

Selbstheilungskräfte

Ein freundlicher Morgen, trocken und sonnig. Mich plagten und plagen in diesen Wochen diverse Infekte und so lautet morgens die erste Frage: Wie geht es mir heute? Geht es mir besser? Ist endlich Genesung in Sicht oder ist eigentlich alles wie gestern?
Von schneller Heilung ist bei mir selten die Rede, meist verbringe ich bis zu zwei Wochen in diesen „infektiösen“ Zuständen, in denen ich viel auf dem Sofa herumliege und aus dem Fenster schaue, sofern der Körper nicht einfach nach Schlaf verlangt. Im Kranksein ticken die Uhren anders und die Prioritäten sind andere. Ich verwende meine letzte Energie darauf, mir den Kalender frei zu schaufeln, um in Ruhe krank sein oder besser: gesund werden zu können. Termine und Verabredungen, die mir neulich noch wichtig waren und auf die ich mich freute, sage ich ab. Allein der Körper scheint nun zu entscheiden, was ich tue und lasse. Das gefällt mir nicht besonders, weil ich nicht mehr Herrin im eigenen Haus bin, so kommt es mir vor.

Das ist ein klassisches Beispiel dafür, dass ich doch meistens auf der „Alltagswelle“ schwimme, das Leben steht mir zu Verfügung und ich verfüge eben darüber und über meine Zeit. Dass da auch mal was dazwischenkommen könnte, daran denke ich kaum. Dinge passieren, die uns rausbringen aus den Plänen und Verpflichtungen und tagtäglichen Handlungen. Im Falle von Krankheit braucht es seine Zeit, sich dareinzufinden, für mich ist es weniger ein Gefühl von Akzeptanz als davon, mich geschlagen zu geben. Die Krankheit ist stärker als ich.

Geht es mir dann irgendwann tatsächlich besser, erlebe ich das als einen Segen und ein Wunder. Irgendwie weiß ich natürlich, dass ein Infekt auch wieder vorübergeht, und doch staune ich, dass mein Körper erst für schlechte Stimmung sorgt, um dann aber doch gnädig zu sein und sich selbst zu heilen sozusagen und mich damit in bessere Stimmung zu versetzen. Danke dafür! Es tut gut, die Lebensgeister wieder zu spüren, die neu erwachende Energie – und da ist auch ein Gefühl der Erleichterung, dass ich nun wieder „mitmachen“ kann und mein Leben zu seinem vermeintlichen Normalzustand zurückkehrt.

Ich weiß auch, dass irgendwann die Zeit kommen wird, in der es keine Besserung mehr geben wird, in der ich mich mit ganz anderen Dingen auseinandersetzen muss, als einen Zahnarzttermin wegen Erkältung zu verschieben. Ein Infekt ist für mich auch ein Vorgeschmack auf diese Zeit der sich fortsetzenden Kraftlosigkeit, wenn mein Fokus sich verengen und mein Aktionsradius immer kleiner werden wird.

Heute erlebe ich einen freundlichen Morgen, trocken und sonnig. Die kleinen Dinge im Leben, davon schrieb ich ja schon in meinem November-Blogbeitrag, und dieser Morgen nach einer Nacht mit viel Husten und wenig Schlaf wendet sich mir doch wohlwollend zu mit klarem Himmel und viel Licht. Es liegen nun Tage vor uns, die in besonderer Weise dem Licht und seiner Wiedergeburt gewidmet sind. Ich wünsche uns allen eine friedliche und freundliche Zeit. Denen, die gerade krank oder einsam sind, die trauern um andere und/oder um sich selbst, wünsche ich ganz besonders viel Licht, Geduld, Zuversicht und Mut. – Ich freue mich auf die Fortsetzung des Blogs im neuen Jahr. Allen alles Gute!

Alternativer Bildtex

Transformation.

Kränkelnder Körper
dich nicht geschlagen geben
Wunder erwarten

Im Kleinen fürs Große

Herbst. Kaum beginnt der Tag, wird es auch schon wieder dunkel. Dazu der Regen. Wozu rausgehen? Ich habe mir den Kopfhörer aufgesetzt und lasse meine Gedanken von ruhiger Klaviermusik (Philip Glass) begleiten, betrachte das Foto eines Blattes – es ist hier unten zu sehen –, das ich neulich in einem kleinen, schon herbstlich strubbeligen Garten machte, weil mich das Muster so faszinierte. Es ist eine Rebe vermutlich, die Farben befinden sich auf dem Rückzug, sie bilden kleine Inseln aus Rosa und Grün in der hellgelben Fläche. Erstaunlich, was die Natur so hervorbringt. Und inspirierend, denn ich denke gleich daran, das zufällige Muster zu „kopieren“, mich davon für eigene Zeichnungen anregen zu lassen.

In einem Workshop zu „Neurografik und Ikigai“ (bei Jean von Allwörden) lernte ich vor ein paar Tagen die 5 Säulen des Ikigai (Ken Mogi) kennen. Bisher kannte ich von dieser japanischen Philosophie der Lebenskunst nur das Schaubild mit den sich überschneidenden Kreisen, von den 5 Säulen hatte ich noch nicht gehört. Eine dieser Säulen lautet „Die Freude an kleinen Dingen entdecken“. Dass mir in dem Garten dieses Blatt begegnete und ich auf es aufmerksam wurde, war eine Freude an einem „kleinen Ding“, ganz kostenfrei, am Wegesrand, während ich versuchte, absichtslos unterwegs zu sein.

Ist das banal? Da draußen brennt die Welt und ich beschäftige mich mit einem Herbstblatt?! „Harmonie und Nachhaltigkeit leben“ heißt eine weitere Säule. Es klingt so simpel und ist so schwer. Vielleicht kann ich an den kleinen Dingen die Harmonie üben, kann an ihnen spüren, dass ich mit der „ganzen Welt“ verbunden bin. Dann bin ich aber auch mit den Kriege(r)n und den Herrschsüchtigen verbunden und mit denen, die sagen und es auch so meinen: „Nach mir die Sintflut.“ Allein kann ich die Welt nicht retten. Aber ich kann mich um eine Befriedung im Kleinen und in mir selbst bemühen, um friedlich – in Frieden und für Frieden – nach außen zu wirken.

Da mosert nun eine innere Stimme, dass ich mal wieder predige. Ja, sorry, aber ist es nicht auch interessant, ausgehend von der Beschreibung eines Herbstblattes zum Weltfrieden zu gelangen? So vieles verbirgt sich also in den kleinen Dingen. Faszinierend und ein Grund, „am Ball“ zu bleiben.

Alternativer Bildtex

Farbinseln.

Wandlung

Blätter gelb
Himmel grau
Licht diesig
Vögel rar
Wind böig

die Dunkelheit wird dunkler
der Schreibtisch wird zur Höhle
Abschiedsmodus

Missgeschicke

Neulich hatte ich eine Phase von ein paar Tagen, in denen mir einiges zu Bruch ging – das Glas eines Bilderrahmens, eine schöne Vase, ein gerade frisch gefüllter Teebecher –, und ich fragte mich, was mit mir los ist oder ob es sich nur um zufällige Unachtsamkeiten handelte.

Wenn etwas kaputtgeht, erlebe ich das meist als schmerzhaft. Ein Teil zerschellt auf dem Fußboden in tausend Stücke. Kintsugi – die japanische Tradition, auf sehr ästhetische Weise Keramik zu reparieren – hilft mir da nicht weiter, weil es einfach zu viele Teile sind. Ich muss akzeptieren, dass etwas nicht zu kitten ist – und oftmals auch nicht nachzukaufen. Die Vase hatte ich in einem Trödelladen erstanden, ein Einzelstück, das ich nun auch noch der Welt entrissen habe sozusagen. Mir wird in solchen Momenten bewusst, wie fragil vieles ist, wie zerbrechlich und damit kostbar.

Wie fragil auch unser Leben ist, unser Körper, unsere Seele, unser Miteinander. Wir sind vor Verlusten nicht gefeit – und vermutlich ist es gut, dass uns das nicht permanent bewusst ist. Hin und wieder stößt uns das Leben selbst darauf, manchmal eben durch das Zerschellen einer Blumenvase.

Alternativer Bildtex

Glücksboten?

Scherbenhaufen

auseinandergebrochen
entzweigegangen
geborsten
geplatzt
gesplittert
hinüber
in Stücke gegangen
kapores
kaputt
lädiert
ramponiert
ruiniert
zerborsten
zerbrochen
zerplatzt
zerschmettert
zersprungen
zerstört
zu Bruch gegangen

Kurzum: unwiederbringlich im Eimer