Träum was Schönes

In den Nächten, wenn wir schlafen, führt unser Gehirn ein Eigenleben und sendet uns manchmal die surrealsten Träume. Diese Träume können uns vielleicht etwas über uns selbst erzählen, was wir noch nicht wussten, oder sie können ein Quell weiterführender Ideen sein – für Geschichten, Bilder, Gedichte … In jedem Fall weiten sie den Raum unserer Fantasie und unserer Vorstellungen – in drögen Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, kann uns das nur recht sein.

Träume können uns lehren, über den geblümten Tellerrand zu schauen in ganz andere Welten. Wir treten einen Schritt zur Seite, heraus aus unserem eigenen Schatten: Hey, was gibt es da noch? Was ist unglaublich? Faszinierend? – Vertrauen wir darauf, dass sich mit dem Frühling neue Energien zeigen und dass es immer etwas zu entdecken gibt. Auch nachts. Nachts ist auch Frühling.

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Werdend. 2020

ich träumte
ich träumte ich wachte
ich sah die nacht vergeh’n
schatten sich wandeln
sah nebel aufzieh’n

ich träumte
ich war von tieren umgeben
es war warm
es roch nach dung und staub

ich träumte ich wachte
vier beine hatte ich
tatzen und fell
ich konnte in der dunkelheit seh’n und

ich war wild

Die Basis

Diese Woche brachte schon ungewöhnlich frühlingshafte Tage und es trieb uns nach draußen, vielleicht mit einem tiefen Seufzer: endlich Licht, Wärme, Sonne, Bewegung. Und vielleicht konnten wir dabei für ein paar Momente vergessen, dass wir uns immer noch in einer Krise befinden, die nun schon ein Jahr anhält.

Wie überstehen wir solche Zeiten? Warum geben wir nicht auf? Was ist es, das uns weitermachen lässt mit mehr oder weniger Ideenreichtum oder auch einfach nur mit Geduld und Aushalten? Vermutlich sind die Antworten auf diese Fragen so individuell, wie wir Menschen eben sind. Doch was genau ist für Sie und Dich die Basis allen Tuns und Lassens – selbst wenn die Welt grad kopfsteht?

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Perspektivwechsel. 2019

Etwas

Etwas trägt mich
ohne dieses Etwas
weigerte ich mich
zu atmen
überhaupt einen
Schritt zu tun

Lebensnot|wendigkeit

Etwas gibt meiner Lebensnot
eine Wendigkeit
damit ich weiter existieren kann

Spürst du es auch?
Da ist dieses Etwas
was dich (nicht nur)
manchmal ruhig
schlafen lässt
es trägt dich es erträgt
deine Lebensnot
(und wendet sie)

Vom Hören schreiben

Oft empfinde ich es als Fluch, dass ich meine Ohren nicht einfach so schließen kann wie meine Augen. Während ich dies schreibe, höre ich die Menschen in der Wohnung unter mir, wie sie durcheinanderreden und lachen und jemand beim Abendessenkochen den Kochlöffel auf den Topfrand schlägt – immer schlägt eine*r von ihnen den Kochlöffel auf den Topfrand in einem bestimmten Rhythmus, den ich inzwischen wiedererkenne. Oft empfinde ich es als Fluch, was meine Ohren alles hören.

Doch es gibt genauso Momente, da liebe ich, was meine Ohren alles hören, und da will ich unbedingt einfach nur hören. Ich vermute, dass es Musiker*innen so geht. Nachts geht es mir so, wenn ich die Stille hören will, und neulich ging es mir so, als ich unter einer kleinen Eiche stand, die noch ihr braunes, knitteriges Blätterkleid trug …

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Zwillingsmuschel. 2016

hörsinnlich

durch die Ohren
dringt das Draußen
in mich
auch durch die Haut
manchmal
an Tagen wie Transparentpapier
so dünn

wenn da Meisen in mich fliegen
freu ich mich
wenn da Stimmen sinnlos plappern
quäl ich mich

dieser Tage stehe ich unterm Eichenbaum
der noch wundersam voll mit
vertrocknetem Laub
der Wind bläst eine Melodie hinein
ich schließe die Augen
lausche
bin fern auf einmal

die Sonne wärmt mir die Nase
das papierene Blätterrauschen
nimmt mich mit
ganz Ohr bin ich –

ich kehre zurück
öffne die Augen
sehe das graue graue Wintergrau
doch höre höre noch
von Weitem
den Sonnenort
meine Nase kitzeln

Etwas vom Nichts

Das Jahr 2021 heißt uns willkommen. Was die Schlagzeilen betrifft, beginnt der Januar nicht viel anders, als der Dezember endete. Die Feiertage liegen hinter uns, doch wir sind weiter aufgerufen, uns lockdownflexibel und „häuslich“ zu zeigen. Die Kontakteinschränkungen verlangen uns einiges ab – manchem und mancher mag dabei die Decke auf den Kopf fallen und vielleicht macht sich eine gewisse Motivationslosigkeit breit.

Auch mir geht es zeitweise so. Und wenn ich da nun sitze vor einem leeren Blatt Papier und Kopf und Herz sich ebenso leer anfühlen, frage ich mich, ob da wirklich gar nichts zu mir spricht. Gern will ich dann doch diesem „Nichts“ näherkommen – zum Beispiel in dieser Form.

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Verwebungen. 2020

noch nicht reif

die Wörter wollen nicht kommen
sie bleiben im Innern
sie sind träge
wollen nicht geboren werden
lieber im Warmen und Verborgenen
noch ein wenig aushalten

sie wissen: einmal draußen,
stürmt das Leben auf sie ein
Kälte, Grelle womöglich, Gesehenwerden –
das erfordert Mut und Willen

heute werden die Worte nicht kommen
sie bleiben, wo sie sind
es ist ihnen nicht zu verdenken
an Tagen wie diesen

sammelt eure Kräfte
für eine andere Zeit
ihr werdet schon erwartet

(Er-)innerlich

Wieder einmal steht das Weihnachtsfest bevor – in diesem Pandemiejahr unter komplizierteren Bedingungen. Und diejenigen, die sich um das Fest nicht scheren, fühlen sich aktuell möglicherweise seltsam befreit – keine Weihnachtsmärkte, keine Glühweinbesinnungslosen! Das Jahresende naht, was vielen vermutlich einen Gott-sei-Dank!-Stoßseufzer entlockt. Wie haben wir dieses Jahr erlebt, was schließen wir aus den vergangenen zwölf Monaten – ist der Jahreswechsel 2020/2021 nurmehr eine blasse Erinnerung, als unsere (kleine) Welt scheinbar noch „in Ordnung“ war?

Wann wird ein Ereignis, eine Zeit zu einer Erinnerung? Was macht aus einem Geschehnis eine Erinnerung? Manchmal ist „Erinnerung“ ein späteres Qualitätsmerkmal für einen glücklichen Moment, den wir nicht vergessen haben, manchmal eher etwas Untotes, das uns verfolgt, das an uns klebt wie zähes Pech. Erinnerungen können uns freudig begegnen oder heimtückisch überfallen (je nachdem), wenn wir ahnungslos eine Straße entlanggehen und etwas riechen, hören oder sehen. Wie funktionieren Erinnerungen? Ein spannendes Feld, an das ich mich heute mit Text und Bild wieder einmal annähere.

 

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Bis auf Weiteres. 2018

Wenn ich groß bin …

Wenn ich groß bin
was fange ich an
mit den Erinnerungen?
Ich habe schon einen ganzen
Karton voll damit
bei jedem Umzug
kommt mir die
Kiste in die Quere

Wenn ich groß bin
mach ich was ich will
stell die Kiste an
die Straße zum Mitnehmen
wer fängt etwas an
mit fremden Erinnerungen?

Wenn ich groß bin
bin ich alt
dann reicht ein Karton
nicht mehr aus
doch ich will nicht anbauen müssen
nur wegen der Erinnerungen

Wenn ich alt bin
fliegen sie alle frei im Raum
wie Wellensittiche
manchmal setzen sie
sich auf meine Schulter
schnäbeln mit mir
manchmal kacken sie
auf die Schrankwand
lassen Federn

Wenn ich alt bin
bin ich dann nur Erinnerungen?
Reibe ich meine müden Knochen ein mit ihnen?
Sind sie meine Medizin – wie meine
Herztabletten?

Wann bin ich alt?