Gewöhnungsbedürftig

Die Kastanien fallen, die Blätter langsam auch, Spekulatiuskrümel rieseln in den Tee. Wehmütig Abschied nehmen von der üppigen Gartenblüte und vom Spätsommer, sich wärmer anziehen und genügsamer werden, mehr Rückzug und immer einen Schirm dabeihaben – das verbindet sich uns mit den kommenden Wochen. Und dann die Zeitumstellung und die frühe Dunkelheit …

Wir werden uns gewöhnen an die neue Jahreszeit, wie wir uns in diesem Jahr schon an so vieles gewöhnt haben. Damit uns das besser gelingt, könnten wir noch ein wenig Farben sammeln, mit ihnen unsere Hoffnung füttern, Augen und Seele etwas Gutes tun. Farbe spielt, wen wundert’s, auch im heutigen lyrischen Text eine Rolle, zu dem mich das Gedicht „Ebereschen“ (1954) von Gottfried Benn (1886–1956) inspirierte.

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Tanzbeeren. 2019

Gemeinsam

Ebereschenrot
Herbstrot
Ankündigungsrot

den Übergang
das Fortschreiten der Zeit
den Abschied
das Wiedererkennen
ankündigen

letzte Beeren, letzte Farben
ich erkenne euch wieder
begrüße euch
ich schreite mit euch fort
gehe mit euch hinüber

ins Neue

 

Übergangsträume

Schon merklich sucht die Dunkelheit uns wieder heim und graue Tage mehren sich. Wir hoffen auf den Spätsommer wie auf eine Gnadenfrist. Vielleicht vollzieht sich auch im Innern gerade eine Verschiebung und unsere Träume und Halbschlafgrübeleien zeigen uns allerlei Seltsamkeiten aus dunkleren Bereichen.

In der Rolle der Beobachter*innen muss uns das nicht anfechten – ein distanzierter Blick kann da ganz heilsam sein, sollte das Düstere überhandnehmen.

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Herdenwanderung. 2017

während du schläfst

im Düsteren
nicht hell nicht schwarz
feine Schlieren von Licht
von Gelborange vielleicht

darinnen wandeln behäbige Tiere
orientieren sich mit ihren großen Nasen
saugen die Düsterkeit ein
wie Honigfresser den Nektar

eine Herde stiller Tiere
ernährt sich von Licht
das sie im Dunklen findet

sie hat immer Hunger, diese Herde

In diesen Tagen

Die Zwiespältigkeit des Sommers: üppige Fülle und Dürre. In den Städten ist die Hitze schwer auszuhalten und die „grünen Oasen“ müssen extra aufgesucht werden, denn es gibt sie kaum noch um die Ecke. Die Wohnraumverdichtung tut ihr Übriges dazu. – So ist auch der Sommer wieder eine Übung im genauen Hinschauen und in Dankbarkeit, wenn ich doch etwas Grün (oder Rot, Lila, Gelb, Rosa …) erhasche beim Blick aus dem Fenster oder beim Gang zum Supermarkt.

Neulich ertappte ich mich dabei, wie sehr ich mich schon ans Grau gewöhnt hatte – wie klein die Welt dann wird. Davon handelt der heutige Text.

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Schau genau. 2019

Vergessenheit

Farben des Sommers
gestern in den Schrebergärten
überraschten mich

Im Stein-auf-Stein-Garten
meiner Straße
finde ich nur buntes Plastik
und kreischende Werbeblätter
im staubigen Wind

Wüste ist hier wie in mir
ich vergesse die Blumen
vergesse die Farben
mein Herz vergesse ich
blicke ich zu viel auf Stein-auf-Stein

Entwurf

Früher hieß es Tafel, heute heißt es Whiteboard: Wir schreiben etwas hin und wischen es wieder weg. – Das Flüchtige interessiert mich mehr als das Statische, das Filigrane mehr als das Kolossale. Vielleicht ist es mein Kümmerinstinkt: Um das Große, Mächtige, Stabile muss ich mich nicht sorgen, es kommt allein zurecht. Obwohl wir auch an Bauwerken wie Notre-Dame sehen, wie verwundbar selbst das Große ist.

Wie viele Bogen Papier braucht es, wie viele Zuckungen der Löschtaste, bis etwas „steht“: eine Zeichnung, ein Text? Es zeigt uns, dass es der Moment ist, der zählt. Jetzt schreibe ich diesen Beitrag, den ich morgen vielleicht verwerfe. Und doch will ich ja bewahren, will schreibend bleiben. Ein nicht zu lösendes Dilemma?

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rechzim. 2016

vorübergehend

die Tafel an der Wand
schreiben und verwischen
vorübergehende Zeichen
festhalten was los will

schreiben und verwischen
Kreide statt Permanentmarker
nicht lichtecht
nicht wasserfest

jede Minute jedes Ticken
jeder Atemzug:
Kreide

Erdreich

Der Sommer ist da, und wer konnte, hat dieses Jahr eh schon häufig Zeit im Garten und in der Natur verbracht, zumal vieles andere nicht möglich war. Ich las neulich eine kleine Weisheit von unbekannt, die da lautet: „Einer der schönsten Wege zu uns selbst führt durch den Garten.“ Ist damit die schweißtreibende Arbeit gemeint, die es erfordert, einen Garten anzulegen und zu pflegen, oder eher die (innere) Stille, die so ein Fleckchen Erde vermitteln kann – am besten morgens um halb sieben, wenn die Welt noch halbwegs schläft, nur die Vögel schon lange wach sind und die Landschnecken sich wieder ins Unterholz verkrochen haben?

Mein heutiger poetischer Text hat nur sieben Zeilen, die mir jedoch immer wieder ein friedliches Bild vor Augen bringen. Kommen wir zu uns selbst in solchen grünen, erdreichen Momenten? Und was ist mit denen, die gar keinen Garten haben (so wie ich)? Das Zauberwort heißt: Imagination!

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Hortus conclusus. 2018

idylle, fraglos

kniehoch das gras
äsende tiere
kein unglück in sicht
stattdessen licht
und alte
obstsorten