Schnellschnell

Es ist eine Zeit, da herrscht bei mir mal wieder Termindruck, da kommt alles auf einmal. Das Wichtigste zuerst tun, heißt es, doch was ist das Wichtigste? Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, diese schöne Redewendung, und schon gar nicht weiß ich, wie (und wann) ich mal wieder zur Ruhe kommen soll.

Da ist es ein Akt des Willens, diese Turbulenz zu unterbrechen, und sei es nur für ein paar Minuten, um wieder etwas mehr „bei Sinnen“ zu sein, also – wenn wir das mal wörtlich nehmen – mit allen Sinnen gegenwärtig. Nicht mehr in den Tunnel zu blicken, sondern dran vorbei. Die Hände etwas anderes spüren zu lassen als das Plastik der PC-Tastatur und den Gaumen statt des achtlos Hineingestopften die eine kleine achtsame Rosine schmecken zu lassen. Und natürlich greife ich dann gern zum Stift und gebe mir die Freiheit, ohne Plan und Ziel zu schreiben und zu kritzeln – wenn auch kurz. Wobei: Der folgende „Momenttext“ hat schon etwas länger gedauert …

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Minutenglück. o. J.

Momentum

ein Nu
kaum da verschwunden

wie sie ein Blatt ihrer
Zimmerpflanze entstaubt

wieder atmen können

wie sie dem Holzelefanten auf der
Anrichte über den Rücken streicht

mit tastender Zärtlichkeit und
so auch das leere Heft öffnet

wieder atmen können

ein Nu
kaum da
vorbei

Wehmütig

Auch wenn wir noch schöne Sonnentage erleben, kündigt sich der Herbst schon an. Wir wissen es ja, dass auf den Sommer der Herbst folgt, aber wollen es doch – wie jedes Jahr – nicht so recht wahrhaben, dass es tatsächlich schon wieder so weit ist. Solche Übergänge haben manchmal ihren besonderen Reiz, manchmal erfüllen sie uns mit Wehmut: Etwas geht zu Ende – und wir sind machtlos.

Auch wenn es Tag wird, erleben wir einen Übergang, den Wechsel von dunkel zu hell, von Traum zu „Realität“. Davon erzählt der heutige Text. Und er lässt noch einmal kurz ein bisschen Hochsommer aufblitzen. Wir schaffen das!

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Laubtransparenz. 2020

überGang

Mit jedem Schritt
öffnet sich der Tag
du taumelst noch
Nachtreste kleben an dir
halten dich zurück

Du verlangsamst deinen Gang
gratwandelst
wie viel Nacht darf noch sein
wie viel Tag muss schon sein

Das Mohnrot sticht dir ins Auge
hellwach bist du schlussendlich zwischen
den wilden Wiesenfarben

und der Tag entscheidet sich
für dich

Aussichten

Überschwemmungen, Waldbrände, Hitzewellen – all die Nachrichten der letzten Wochen zu diesen extremen Klimaereignissen können bei mir regelrechte Weltuntergangsfantasien auslösen. Kriegen wir diese globalen Entwicklungen noch eingefangen oder ist das der Anfang vom Ende? Und was heißt das dann eigentlich?

Trübsal bringt natürlich nicht weiter und Bangemachen gilt nicht. Zudem: Wer möchte schon schlechte Stimmung verbreiten? Ich habe noch keinen guten Weg gefunden, mit diesen sorgenvollen Aussichten umzugehen. Wenn es mir gelingt, ein paar Zeilen dazu zu schreiben, bin ich schon froh. – Save the earth!

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Festhalteversuch. Verzweifelt? 2020

Was da ist

Über den gleißenden Asphalt
rollt der Augenblick
bewegt sich schnell, ist schon vorbeigehuscht

Du sitzt mit leeren Händen
spuckst einen Kirschkern auf die Straße
damit da überhaupt was ist

Ein abgenagter Kern
auf grauem Asphalt –
die Luft flimmert

(Un-)Ordnung

Freundliche Sommertage laden dazu ein, in die Umgebung auszuschwärmen und zu schauen, was so grünt und blüht. Ich stelle fest, dass es immer häufiger Wildblumenwiesen(stückchen) zu entdecken gibt, die in ihrem bunten Durcheinander Erinnerungen wecken an ferne Zeiten, in denen solche Wiesen nicht erst angelegt werden mussten.

Dem gegenüber die gepflegten Gärten in stolzer Pracht. Mein Urbild der Idylle ist das Heraustreten aus meinem Haus am frühen Morgen hinein in meinen „Hortus conclusus“ mit einer Tasse Tee, Tau auf den nackten Füßen etc. Ich habe weder ein Haus noch einen Garten, wohl aber eine Tasse Tee, die mein Sinnieren unterstützt – mein Sinnieren über das Wilde und das Eingezäunte, das scheinbar Unförmige und das Geometrische, die Ordnung und die Un-Ordnung. Vielleicht ist heute ein Tag, einmal auf die Suche zu gehen nach diesen gegensätzlichen Erscheinungsformen, die doch einander bedingen: Was wäre die Ordnung ohne die Unordnung (und umgekehrt)?

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Wildwuchs. 2021

Münsterlandpartie

Entlang der Gartenwege
Ordentlicher Buchsbaum
Hier wird nicht aus der Reihe getanzt

Im Beet sorgsame Bepflanzung
Eines passt zum anderen
Das Auge will erfreut sein

Darin sich tummeln
Bienen, Ohrenkneifer, Schmetterlinge
In alphabetischer Reihenfolge

In der Nacht dann endlich zischen
Fledermäuse in jähem Flug
Scheren sich nicht um Farben und Formen

Kommen aus einer anderen Welt

Nächtlicherweile

Wir erleben gerade die ersten Hochsommertemperaturen im noch Frühling und nachts ist es fast so tropisch wie tagsüber. Möglicherweise macht uns das schlaflos. Sowieso scheint es, dass das Bedürfnis, die Nacht zum Tage zu machen, mancherorts recht ausgeprägt ist angesichts der Lockerungen zum herbeigesehnten Ende des Lockdowns.

Die Nacht ist thematisch ein weites Feld, „nächtlicherweile“ kann alles Mögliche passieren, Stilles und Lautes, Harmloses und Gefährliches, Enge und Weite. Übrigens kannte ich das Wort „nächtlicherweile“ bisher nicht. Nach Duden bedeutet es einfach „bei Nacht, in der Nacht, nachts“. Mit dem naheliegenden Pendant „täglicherweile“ kann der Duden allerdings nicht aufwarten. – Eine kleine Annäherung ans Nächtliche findet sich im heutigen poetischen Text, verbunden mit dem Wunsch, dass die Nacht uns immer wohlgesinnt sein möge.

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Flugverbindung. 2020

Unsichtbar

An bricht der Tag
bricht sich in die Dunkelheit
mehr ein heller Schleier
der über alles sich legt und
am Abend wie von Geisterhand
sich lüftet

Ins Dunkle mich finden
Nachtdiebin
mein schwarzer Mantel
macht mich unsichtbar
wie eine Fledermaus
durch die Lüfte husche
ich und ecke
niemals an