Etwas vom Nichts

Das Jahr 2021 heißt uns willkommen. Was die Schlagzeilen betrifft, beginnt der Januar nicht viel anders, als der Dezember endete. Die Feiertage liegen hinter uns, doch wir sind weiter aufgerufen, uns lockdownflexibel und „häuslich“ zu zeigen. Die Kontakteinschränkungen verlangen uns einiges ab – manchem und mancher mag dabei die Decke auf den Kopf fallen und vielleicht macht sich eine gewisse Motivationslosigkeit breit.

Auch mir geht es zeitweise so. Und wenn ich da nun sitze vor einem leeren Blatt Papier und Kopf und Herz sich ebenso leer anfühlen, frage ich mich, ob da wirklich gar nichts zu mir spricht. Gern will ich dann doch diesem „Nichts“ näherkommen – zum Beispiel in dieser Form.

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Verwebungen. 2020

noch nicht reif

die Wörter wollen nicht kommen
sie bleiben im Innern
sie sind träge
wollen nicht geboren werden
lieber im Warmen und Verborgenen
noch ein wenig aushalten

sie wissen: einmal draußen,
stürmt das Leben auf sie ein
Kälte, Grelle womöglich, Gesehenwerden –
das erfordert Mut und Willen

heute werden die Worte nicht kommen
sie bleiben, wo sie sind
es ist ihnen nicht zu verdenken
an Tagen wie diesen

sammelt eure Kräfte
für eine andere Zeit
ihr werdet schon erwartet

(Er-)innerlich

Wieder einmal steht das Weihnachtsfest bevor – in diesem Pandemiejahr unter komplizierteren Bedingungen. Und diejenigen, die sich um das Fest nicht scheren, fühlen sich aktuell möglicherweise seltsam befreit – keine Weihnachtsmärkte, keine Glühweinbesinnungslosen! Das Jahresende naht, was vielen vermutlich einen Gott-sei-Dank!-Stoßseufzer entlockt. Wie haben wir dieses Jahr erlebt, was schließen wir aus den vergangenen zwölf Monaten – ist der Jahreswechsel 2020/2021 nurmehr eine blasse Erinnerung, als unsere (kleine) Welt scheinbar noch „in Ordnung“ war?

Wann wird ein Ereignis, eine Zeit zu einer Erinnerung? Was macht aus einem Geschehnis eine Erinnerung? Manchmal ist „Erinnerung“ ein späteres Qualitätsmerkmal für einen glücklichen Moment, den wir nicht vergessen haben, manchmal eher etwas Untotes, das uns verfolgt, das an uns klebt wie zähes Pech. Erinnerungen können uns freudig begegnen oder heimtückisch überfallen (je nachdem), wenn wir ahnungslos eine Straße entlanggehen und etwas riechen, hören oder sehen. Wie funktionieren Erinnerungen? Ein spannendes Feld, an das ich mich heute mit Text und Bild wieder einmal annähere.

 

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Bis auf Weiteres. 2018

Wenn ich groß bin …

Wenn ich groß bin
was fange ich an
mit den Erinnerungen?
Ich habe schon einen ganzen
Karton voll damit
bei jedem Umzug
kommt mir die
Kiste in die Quere

Wenn ich groß bin
mach ich was ich will
stell die Kiste an
die Straße zum Mitnehmen
wer fängt etwas an
mit fremden Erinnerungen?

Wenn ich groß bin
bin ich alt
dann reicht ein Karton
nicht mehr aus
doch ich will nicht anbauen müssen
nur wegen der Erinnerungen

Wenn ich alt bin
fliegen sie alle frei im Raum
wie Wellensittiche
manchmal setzen sie
sich auf meine Schulter
schnäbeln mit mir
manchmal kacken sie
auf die Schrankwand
lassen Federn

Wenn ich alt bin
bin ich dann nur Erinnerungen?
Reibe ich meine müden Knochen ein mit ihnen?
Sind sie meine Medizin – wie meine
Herztabletten?

Wann bin ich alt?

Neuauflage

Und täglich grüßt das Murmeltier … Da sind wir wieder im Mehr-oder-weniger-Lockdown. Wir sollen uns nicht versammeln, aber wir sollen zusammenhalten. Manche haben in diesen Wochen und Monaten Mühe, sich selbst zusammenzuhalten. Wie blinde Hühner picken wir nach einem Korn Zuversicht und Freude, finden auch mal eins, aber satt werden wir davon nicht.

Bietet diese Herausforderung eine Chance zur Selbst- und Welterkenntnis? Können wir etwas lernen und verstehen (über uns und überhaupt), was uns vorher nur undeutlich schwante? Falls wir uns auf diesem Weg dabei ertappen, öfter mit uns selbst zu sprechen – nun, dann sind wir hoffentlich in bester Gesellschaft!

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Goldmarie, entrückt. 2020

Selbstgespräch

Zu den Wänden reden
das feine Echo spüren
den widerhallenden Lufthauch
der eigenen Worte

sich selbst die Hand küssen
die eigene Zartheit schmecken

sich um sich selbst drehen
dabei den Kopf nicht verlieren

Löcher in die Luft starren
drei Silben hindurchatmen
in die neue Zeit der
Ungewissheit

wie fern die Nähe
wie nah die Ferne

Gewöhnungsbedürftig

Die Kastanien fallen, die Blätter langsam auch, Spekulatiuskrümel rieseln in den Tee. Wehmütig Abschied nehmen von der üppigen Gartenblüte und vom Spätsommer, sich wärmer anziehen und genügsamer werden, mehr Rückzug und immer einen Schirm dabeihaben – das verbindet sich uns mit den kommenden Wochen. Und dann die Zeitumstellung und die frühe Dunkelheit …

Wir werden uns gewöhnen an die neue Jahreszeit, wie wir uns in diesem Jahr schon an so vieles gewöhnt haben. Damit uns das besser gelingt, könnten wir noch ein wenig Farben sammeln, mit ihnen unsere Hoffnung füttern, Augen und Seele etwas Gutes tun. Farbe spielt, wen wundert’s, auch im heutigen lyrischen Text eine Rolle, zu dem mich das Gedicht „Ebereschen“ (1954) von Gottfried Benn (1886–1956) inspirierte.

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Tanzbeeren. 2019

Gemeinsam

Ebereschenrot
Herbstrot
Ankündigungsrot

den Übergang
das Fortschreiten der Zeit
den Abschied
das Wiedererkennen
ankündigen

letzte Beeren, letzte Farben
ich erkenne euch wieder
begrüße euch
ich schreite mit euch fort
gehe mit euch hinüber

ins Neue

 

Übergangsträume

Schon merklich sucht die Dunkelheit uns wieder heim und graue Tage mehren sich. Wir hoffen auf den Spätsommer wie auf eine Gnadenfrist. Vielleicht vollzieht sich auch im Innern gerade eine Verschiebung und unsere Träume und Halbschlafgrübeleien zeigen uns allerlei Seltsamkeiten aus dunkleren Bereichen.

In der Rolle der Beobachter*innen muss uns das nicht anfechten – ein distanzierter Blick kann da ganz heilsam sein, sollte das Düstere überhandnehmen.

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Herdenwanderung. 2017

während du schläfst

im Düsteren
nicht hell nicht schwarz
feine Schlieren von Licht
von Gelborange vielleicht

darinnen wandeln behäbige Tiere
orientieren sich mit ihren großen Nasen
saugen die Düsterkeit ein
wie Honigfresser den Nektar

eine Herde stiller Tiere
ernährt sich von Licht
das sie im Dunklen findet

sie hat immer Hunger, diese Herde