Selbstheilungskräfte

Ein freundlicher Morgen, trocken und sonnig. Mich plagten und plagen in diesen Wochen diverse Infekte und so lautet morgens die erste Frage: Wie geht es mir heute? Geht es mir besser? Ist endlich Genesung in Sicht oder ist eigentlich alles wie gestern?
Von schneller Heilung ist bei mir selten die Rede, meist verbringe ich bis zu zwei Wochen in diesen „infektiösen“ Zuständen, in denen ich viel auf dem Sofa herumliege und aus dem Fenster schaue, sofern der Körper nicht einfach nach Schlaf verlangt. Im Kranksein ticken die Uhren anders und die Prioritäten sind andere. Ich verwende meine letzte Energie darauf, mir den Kalender frei zu schaufeln, um in Ruhe krank sein oder besser: gesund werden zu können. Termine und Verabredungen, die mir neulich noch wichtig waren und auf die ich mich freute, sage ich ab. Allein der Körper scheint nun zu entscheiden, was ich tue und lasse. Das gefällt mir nicht besonders, weil ich nicht mehr Herrin im eigenen Haus bin, so kommt es mir vor.

Das ist ein klassisches Beispiel dafür, dass ich doch meistens auf der „Alltagswelle“ schwimme, das Leben steht mir zu Verfügung und ich verfüge eben darüber und über meine Zeit. Dass da auch mal was dazwischenkommen könnte, daran denke ich kaum. Dinge passieren, die uns rausbringen aus den Plänen und Verpflichtungen und tagtäglichen Handlungen. Im Falle von Krankheit braucht es seine Zeit, sich dareinzufinden, für mich ist es weniger ein Gefühl von Akzeptanz als davon, mich geschlagen zu geben. Die Krankheit ist stärker als ich.

Geht es mir dann irgendwann tatsächlich besser, erlebe ich das als einen Segen und ein Wunder. Irgendwie weiß ich natürlich, dass ein Infekt auch wieder vorübergeht, und doch staune ich, dass mein Körper erst für schlechte Stimmung sorgt, um dann aber doch gnädig zu sein und sich selbst zu heilen sozusagen und mich damit in bessere Stimmung zu versetzen. Danke dafür! Es tut gut, die Lebensgeister wieder zu spüren, die neu erwachende Energie – und da ist auch ein Gefühl der Erleichterung, dass ich nun wieder „mitmachen“ kann und mein Leben zu seinem vermeintlichen Normalzustand zurückkehrt.

Ich weiß auch, dass irgendwann die Zeit kommen wird, in der es keine Besserung mehr geben wird, in der ich mich mit ganz anderen Dingen auseinandersetzen muss, als einen Zahnarzttermin wegen Erkältung zu verschieben. Ein Infekt ist für mich auch ein Vorgeschmack auf diese Zeit der sich fortsetzenden Kraftlosigkeit, wenn mein Fokus sich verengen und mein Aktionsradius immer kleiner werden wird.

Heute erlebe ich einen freundlichen Morgen, trocken und sonnig. Die kleinen Dinge im Leben, davon schrieb ich ja schon in meinem November-Blogbeitrag, und dieser Morgen nach einer Nacht mit viel Husten und wenig Schlaf wendet sich mir doch wohlwollend zu mit klarem Himmel und viel Licht. Es liegen nun Tage vor uns, die in besonderer Weise dem Licht und seiner Wiedergeburt gewidmet sind. Ich wünsche uns allen eine friedliche und freundliche Zeit. Denen, die gerade krank oder einsam sind, die trauern um andere und/oder um sich selbst, wünsche ich ganz besonders viel Licht, Geduld, Zuversicht und Mut. – Ich freue mich auf die Fortsetzung des Blogs im neuen Jahr. Allen alles Gute!

Alternativer Bildtex

Transformation.

Kränkelnder Körper
dich nicht geschlagen geben
Wunder erwarten

Im Kleinen fürs Große

Herbst. Kaum beginnt der Tag, wird es auch schon wieder dunkel. Dazu der Regen. Wozu rausgehen? Ich habe mir den Kopfhörer aufgesetzt und lasse meine Gedanken von ruhiger Klaviermusik (Philip Glass) begleiten, betrachte das Foto eines Blattes – es ist hier unten zu sehen –, das ich neulich in einem kleinen, schon herbstlich strubbeligen Garten machte, weil mich das Muster so faszinierte. Es ist eine Rebe vermutlich, die Farben befinden sich auf dem Rückzug, sie bilden kleine Inseln aus Rosa und Grün in der hellgelben Fläche. Erstaunlich, was die Natur so hervorbringt. Und inspirierend, denn ich denke gleich daran, das zufällige Muster zu „kopieren“, mich davon für eigene Zeichnungen anregen zu lassen.

In einem Workshop zu „Neurografik und Ikigai“ (bei Jean von Allwörden) lernte ich vor ein paar Tagen die 5 Säulen des Ikigai (Ken Mogi) kennen. Bisher kannte ich von dieser japanischen Philosophie der Lebenskunst nur das Schaubild mit den sich überschneidenden Kreisen, von den 5 Säulen hatte ich noch nicht gehört. Eine dieser Säulen lautet „Die Freude an kleinen Dingen entdecken“. Dass mir in dem Garten dieses Blatt begegnete und ich auf es aufmerksam wurde, war eine Freude an einem „kleinen Ding“, ganz kostenfrei, am Wegesrand, während ich versuchte, absichtslos unterwegs zu sein.

Ist das banal? Da draußen brennt die Welt und ich beschäftige mich mit einem Herbstblatt?! „Harmonie und Nachhaltigkeit leben“ heißt eine weitere Säule. Es klingt so simpel und ist so schwer. Vielleicht kann ich an den kleinen Dingen die Harmonie üben, kann an ihnen spüren, dass ich mit der „ganzen Welt“ verbunden bin. Dann bin ich aber auch mit den Kriege(r)n und den Herrschsüchtigen verbunden und mit denen, die sagen und es auch so meinen: „Nach mir die Sintflut.“ Allein kann ich die Welt nicht retten. Aber ich kann mich um eine Befriedung im Kleinen und in mir selbst bemühen, um friedlich – in Frieden und für Frieden – nach außen zu wirken.

Da mosert nun eine innere Stimme, dass ich mal wieder predige. Ja, sorry, aber ist es nicht auch interessant, ausgehend von der Beschreibung eines Herbstblattes zum Weltfrieden zu gelangen? So vieles verbirgt sich also in den kleinen Dingen. Faszinierend und ein Grund, „am Ball“ zu bleiben.

Alternativer Bildtex

Farbinseln.

Wandlung

Blätter gelb
Himmel grau
Licht diesig
Vögel rar
Wind böig

die Dunkelheit wird dunkler
der Schreibtisch wird zur Höhle
Abschiedsmodus

Missgeschicke

Neulich hatte ich eine Phase von ein paar Tagen, in denen mir einiges zu Bruch ging – das Glas eines Bilderrahmens, eine schöne Vase, ein gerade frisch gefüllter Teebecher –, und ich fragte mich, was mit mir los ist oder ob es sich nur um zufällige Unachtsamkeiten handelte.

Wenn etwas kaputtgeht, erlebe ich das meist als schmerzhaft. Ein Teil zerschellt auf dem Fußboden in tausend Stücke. Kintsugi – die japanische Tradition, auf sehr ästhetische Weise Keramik zu reparieren – hilft mir da nicht weiter, weil es einfach zu viele Teile sind. Ich muss akzeptieren, dass etwas nicht zu kitten ist – und oftmals auch nicht nachzukaufen. Die Vase hatte ich in einem Trödelladen erstanden, ein Einzelstück, das ich nun auch noch der Welt entrissen habe sozusagen. Mir wird in solchen Momenten bewusst, wie fragil vieles ist, wie zerbrechlich und damit kostbar.

Wie fragil auch unser Leben ist, unser Körper, unsere Seele, unser Miteinander. Wir sind vor Verlusten nicht gefeit – und vermutlich ist es gut, dass uns das nicht permanent bewusst ist. Hin und wieder stößt uns das Leben selbst darauf, manchmal eben durch das Zerschellen einer Blumenvase.

Alternativer Bildtex

Glücksboten?

Scherbenhaufen

auseinandergebrochen
entzweigegangen
geborsten
geplatzt
gesplittert
hinüber
in Stücke gegangen
kapores
kaputt
lädiert
ramponiert
ruiniert
zerborsten
zerbrochen
zerplatzt
zerschmettert
zersprungen
zerstört
zu Bruch gegangen

Kurzum: unwiederbringlich im Eimer

Über die Wirkmacht des Unsichtbaren

Der Juli ist vorbei und hatte Tage darunter, die mir eher wie Herbst vorkamen. Doch im Unterschied zum Herbst ist jetzt die Hoffnung auf sonnigere Phasen noch berechtigt, ich sehe gerade nach einem grauen Morgen den blauen Himmel durch die fast weißen Wolken blitzen und alles fühlt sich etwas leichter an.

Was mir in diesen mehr oder weniger Sommerwochen zudem eine gewisse Heiterkeit beschert, ist der Wind, den ich auch jetzt gerade im Ahorn vorm Fenster beobachte, wie er die Blätter und die feineren Äste in Wallung bringt. Wie schön, dass etwas Unsichtbares so viel spielerische Bewegung hervorbringen kann (die zerstörerische Kraft von Orkanen etc. wollen wir heute einmal außer Acht lassen).

Psychologisch betrachtet, ist das Unsichtbare ja oft eher heikel, weil es sich unmerklich anschleicht oder sowieso sein Unwesen treibt im Innern. Wenn mich so etwas Unausgegorenes überkommt, tut es mir gut, mich nach draußen zu begeben, Körper und Geist mit „der Welt“ zu konfrontieren und die Sinne zu aktivieren. Und wenn dann noch ein Wind mich umweht, kann ich befreit ausatmen. Daher heute eine poetische „Hommage an den Sommerwind“.

Alternativer Bildtex

In den Lüften.

Für einen Moment

Sommerwind
wirbelt ihr durchs Haar
umstreicht ihr Gesicht
ihren Hals
lässt das Tuch flattern

Sommerwind
sie atmet ihn
sie taucht in ihn ein
er nimmt die Schwere mit
luftiges Element

Sommerwind
er kennt ihre Sehnsucht
er trägt sie mit sich fort
wer wäre nicht gern ein Mauersegler
allein schon wegen der Rufe

Auswählen und komponieren

In meine letzthin entstandene Collage hat sich das Adjektiv „zärtlich“ geschlichen. Das Wort stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet da „anmutig, liebevoll, weich“. Ob die hier gezeigte Collage anmutig ist, dazu äußere ich mich mal nicht, doch dass die Tätigkeit des Collagenerstellens etwas Liebevolles und Weiches haben kann, das unterschreibe ich gern.

Es ist Sommer, ich habe die Balkontür geöffnet und an mein Ohr dringt eine Collage akustischer Art: Stimmengewirr und Gelächter mischt sich mit vereinzeltem Vogelgesang, mit Motorenlärm, Geschirrgeklapper, Rufen und dem Rauschen der Ahornblätter im aufkommenden Wind. Wohlklang oder Kakofonie? Das kommt auf meinen Ruhe- bzw. Stresspegel an.

Was mich an Collagen interessiert, sind die Überlagerungen, die dem Bild eine Tiefe geben und Geschichten erzählen können. Manches ist ganz zu sehen, anderes nur in Ausschnitten, Andeutungen. So vieles ist gleichzeitig da – wie eben auch in dem, was ich gerade höre. Oder was ich sehe, wenn ich durch die Straßen gehe. Ich wäre schnell überfordert, würde ich alles gleichzeitig und in derselben Intensität wahrnehmen. Etwas in mir trifft eine Auswahl, filtert vermeintlich Wichtiges von Unwichtigem, Interessantes von Uninteressantem. Auch im Collagieren treffe ich eine Auswahl, was oftmals kein leichtes Unterfangen ist, weil so viel Material zur Verfügung steht und alles mich ruft. Beim Komponieren verhalte ich mich dann meist intuitiv, habe kein vorher überlegtes Thema, das ich umsetzen will. Und doch ist es nicht beliebig, was letztlich aufs Papier kommt und wie ich es anordne.

Beim Schreiben ist es für mich ähnlich. Ich fange an und im Schreiben entwickelt sich etwas, von dem ich vorher noch nichts wusste. Wie können Wortcollagen gelingen, Collagengedichte? Ist Schreiben nicht eher eine Aneinanderreihung als eine Überlagerung? Wie in den Bildern mögen es Bruchstücke sein, Fragmente, auch einzelne Schönheiten, die aufs Papier kommen und in ihrer Gesamtheit doch ein vollständiges „Sprachbild“ ergeben.

Sieben Buchstaben hat die „Collage“ – und ich mache daraus ein einfaches Akrostichon. Das könnte mal ein Anfang sein für etwas Größeres.

Alternativer Bildtex

Komposition G12-Zx (Ausschnitt).

Cosmea
Ohrenkneifer
Laubsänger
Lavendel –
Atmender
Garten
Eden