Inneres Schweigen

In letzter Zeit habe ich nicht viel (und das ist übertrieben) Poetisches geschrieben, eher habe ich gekritzelt und mit Farben, Stempeln und Zentanglemustern herumprobiert. Ist es stumm in meinem Innern? Vielleicht ist auch die Stimmung gerade so, dass es mich nicht drängt, etwas aufs Papier zu bringen. Kommt das wieder? Das Schreiben? Könnte es sein, dass die Kreativität versiegt einfach so, mir nichts mehr einfällt oder nichts mehr aus mir rauswill? Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass Schreiben und Kritzeln zwingend eine Ausdrucksform für mich sind. Dass ich mich irgendwann nicht mehr ausdrücken wollen könnte, ist schwer, mir vorzustellen.

In Ermangelung eines aktuellen poetischen Textes für den heutigen Beitrag wählte ich aus meinen inzwischen über 40 Schreib-und-Kritzel-Heften intuitiv eines aus und blätterte es durch. Ich kann in diesen Heften (eigentlich A5-Notizbücher) versinken, versuche mich an die Zeit zu erinnern: Womit habe ich mich beschäftigt, was war mir wichtig?
In der nach der Auswahl folgenden Textüberarbeitung habe ich das Damals ins Jetzt transportiert, das alte Grau mit dem aktuellen Grau in Verbindung gebracht, das sich mir an diesem Februarvormittag aufdrängte. – Die heutige kleine Poesie endet mit einer Aufforderung. Vielleicht sollte ich ihr doch einmal wieder folgen in diesen Tagen und schauen, ob es wirkt.

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Innenleben (Ausschnitt). 2023

Grübelgrau

Das Grau
und die Feuchtigkeit
schlagen dir
aufs Gemüt

Welche warme Welt
nähme dich auf
zu heilen
in Licht und Liebe?

Stattdessen
zermarterst dir das Hirn
grübelst was
werden soll

Ist dir kalt
so nimm einen Schal
Ist dir lieblos zumute
so schreib / dir selbst / ein Gedicht

Hoffentlich

Da hatten wir nun viel Regen in den letzten Wochen – und dann hört er auf einmal auf. Kein Pladdern mehr, keine Regenschirme, kleiner werdende Hochwassersorgen, aufkeimende Hoffnung. Die kommt gerade recht zum neuen Jahr, wo die Wünsche und Ziele frisch poliert auf Erfüllung hoffen dürfen, denn der Elan ist da, alles auf Anfang.

Mit der Hoffnung ist es so eine Sache. „Aussicht, Chance, Erwartung, Glaube“ sind die ersten vier Synonyme, die Duden mir online anzeigt. Die chinesische Autorin Chao-Hsiu Chen sagt: „Blüht eine Blume, zeigt sie uns die Schönheit. Blüht sie nicht, lehrt sie uns die Hoffnung.“ Und diese Blühhoffnung begleitet uns ja durch den langen Winter – irgendwann wird es wieder Frühling, dessen sind wir gewiss. Aber wenn es dann tagelang, wochenlang regnet, beschleicht mich doch wieder eine gewisse Verunsicherung, was noch alles auf uns zukommen mag an „Wetterereignissen“. Nicht zufällig komme ich da auf die Sintflut und malte mir neulich in meiner Vorstellung dieses Bild einer (vorläufigen) Rettung aus, wenn eine plötzliche Stille das Regengetöse ablöst. Aussicht, Chance, Erwartung, Glaube – wir haben keine Gewissheit, wir haben eine Aussicht, wir sehen eine Chance, wir erwarten und glauben, dass das Ersehnte nah und erreichbar ist. Es gibt auch Hoffnungen, die enttäuscht werden. Nicht immer haben wir es in der Hand, was (mit) uns geschieht, aber manchmal eben doch!

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Good Day Sunshine.

Nach der Sintflut

Stille auf einmal
der Himmel
klart von den Rändern her auf
ein vereinzelter Vogelruf

Doch am deutlichsten: Stille
nichts regt sich
die Pflanzen stehen stumm harren aus
ob nicht noch etwas kommt

Doch es wird heller
und heller
gar ein Sonnenstrahl erreicht die Blätter
vorsichtige Wärme

Erstaunen erfasst die Welt
(was nur Menschen so sagen können)
erste feine Regungen
der nahezu ertrunkene Erdboden

atmet auf hat
den Kopf endlich wieder über Wasser
ein Prusten ein befreites Blubbern ein
freudiges Blasenwerfen

Die Amsel nun aufgeregt
erste Kinderrufe hallen im Gelände

Es ist überstanden
unwirklich noch
der Himmel gibt sich schuldlos
weiße Wolkenschlieren vor leichtem Hellblau

Rechts oben im Bild die leuchtende Scheibe
ewig hat sie sich nicht blicken lassen

Nach der Sintflut
diesmal sind wir
noch
davongekommen

Übergangsmelancholie

Jedes Jahr das Gleiche, könnte ich denken. Jedes Jahr die gleichen Themen im Dezember: Weihnachten und die Zeit zwischen den Jahren und dann wieder Rückschau halten, was so war und was vielleicht herausragt aus den letzten zwölf Monaten, und dann Vorschau halten, was so werden soll und darf. Manche Menschen haben noch ewig Zeit für alles Mögliche, fangen gerade erst an zu leben, für andere wird die Luft dünner und da ist nicht mehr so viel an Tagen und Jahren, aber wer weiß das schon genau. Und wieder andere haben das Jahr 2023 nicht vollbringen können, sondern haben etwas anderes vollbracht, einen anderen Übergang, sind alleine losgezogen und haben uns hier zurückgelassen.

Und da stecken wir nun zwischen all dem, zwischen Vergangenheit und Zukunft, schauen mal nach vorn ins neue Jahr, mal zurück ins alte und dann wieder vor uns in die Tasse mit dem aromatisierten Wintertee und auf den Teller mit den puderzuckerbestäubten, marmeladeverfeinerten Plätzchen (nicht die aus dem Supermarkt), die es eben nur jetzt gibt und dann elf Monate wieder nicht mehr.

Ein Dilemma

Jedes Jahr das Gleiche, könnte ich denken. Oder ich schaue aufs Detail, auf die vielen kleinen Dinge und Ereignisse, die mein Leben bereichert – oder auch beschwert – haben. Womit bin ich beschenkt worden? Was habe ich bewältigt? Was wartet noch auf Erfüllung? Leben ist Reichtum, ließe sich das kurz zusammenfassen. Vergesse ich dabei, wie es global kocht und brodelt? Wie es in dieser unseren Gesellschaft kocht und brodelt und wie ich selbst schimpfe und streite? Leben ist Reichtum, und der Mensch ist unvollkommen, hassend und habgierig und egozentrisch. Und er sehnt sich nach Liebe und er liebt, er schenkt und hört zu, umarmt und tröstet und findet Trost im Mitmenschen. In diesem Dilemma stecken wir – wie viel Freude der Mensch dem Menschen bereiten kann und wie viel Elend. Er bringt Leben hervor, hegt und pflegt – und er tötet.

„Übergangsmelancholie“ habe ich diesen Beitrag betitelt und möchte auch nicht Zuckerguss streichen über all das, was uns zusehends bedrängt. Aus dem unbefriedigenden Dilemma ergibt sich für mich der Wunsch nach gemeinsamer Herzens- und Tatkraft für das zu Ende gehende und das neue Jahr und überhaupt: Let us make the world a better place!
Ich wünsche allen eine gute (Übergangs-)Zeit!

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Verfrorene Gemeinschaft.

Im Boot der Zeit

mich überlassen
dem, was ist
gähnen und
müde sein davon

schlafen im sanften Wogen
schaukeln auf den Wellen
träumen von Worten die
wie Schlüssel sind

vertrauen darauf
die Schlösser zu finden
Türen zu öffnen
innen wie außen

die Uhr tickt laut
der Zeiger klemmt
dem Übergang
mich überlassen

und hellwach sein

Aus allen Wolken

Es ist die Zeit der Große-Pfützen-Tage, an denen es kaum hell und dann auch schon wieder dunkel wird. Dass dieses Jahr in ein paar Wochen zu Ende geht, wird spürbar für mich im Regnerischen und Trüben, in dem Bedürfnis nach Rückzug und warmem Zeug (egal ob Tuch oder Tee, Suppe oder süßliche Sofa-Seifenoper …). Jeder Sonnenstrahl ist ein Highlight im wahrsten Sinne des Wortes und auf einmal wieder sehr kostbar.

Bei einem Schreibseminar neulich hatte ich die Gelegenheit, wieder einmal ganz bewussten Schrittes die Landschaft wahrzunehmen, und ich entdeckte winzige Pilze in der Wiese, herabgefallene Samenkügelchen in der Lindenallee, hörte die Blätter rauschen, die der Herbstwind noch nicht von den Bäumen geweht hatte, und es war einmal wieder Raum um mich, rurale Fläche zum weiten Schauen und Atmen und ich konnte den Gedanken freien Lauf lassen. Irgendwann kam dann der Regen übers Land, vom Wind getrieben, Pfützen bildend – und er war mir recht. Daher handelt mein heutiger lyrischer Text auch vom Regen und seinen wundersamen Wirkungen. Vielleicht können wir ihn so an allzu trüben Tagen einmal mit anderen Augen sehen.

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Ins Freie. 2023

Rituelle Reinigung

Gewebe, Gespinste
die im Morgenregen
die Mauern hinunterrinnen

In der Nacht verwoben
entsprungen dem Geist und
dem Traum – Innerfetzen
herausgelöst aus einem Tag
der nicht sehr glücklich war

Begossen nun mit Regenwasser
und selig sich auflösend im Rinnen
die Mauern hinunter ins Erdreich
reiche Erde voll von Geweben und
Gespinsten aus Jahrhunderten

Der Regen wäscht an diesem
Morgen die Seelen rein
Keimt da irgendeine Lebenslust?
Lässt sich ein loses Ende greifen für das
Gelingen dieses neuen Tages?

Namenlos die ersten Schritte
stolpernd hinein in den Trommelregen
der eine Melodie spielt
auf deiner nackten Haut
seinem Instrument

Du tönst und du singst
du spürst den Weg der Tropfen
wie sie an dir hinunterrinnen
in die reiche Erde
sie wird reicher durch dich

jeden Tag

Dem „Du“ gewidmet

Es ist kalt geworden in diesen Tagen und wir sehnen uns wieder mehr nach Wärme als nach Kühle und mehr nach Licht als nach Schatten. Vielleicht ist den Menschenfreund*innen unter uns auch danach zumute, wieder näher zusammenzurücken. Und so widme ich den heutigen Beitrag dem „Du“, dem lieben Gegenüber, das das Leben heller und freundlicher macht, das in schwierigen Situationen Mut zuspricht oder Trost, das uns zum Lachen bringt …

Doch muss das „Du“ nicht unbedingt ein Mensch sein, es kann auch der Baum vor meinem Fenster sein oder meine Lieblingsbeschäftigung, meine Religion, wenn ich eine habe. Das „Du“ kann der Weg vor meinen Füßen sein, die Blume im Beet, mit der ich in eine besondere Verbindung trete. Immer geht es darum, die Sinne zu öffnen für das, was um mich herum ist, und aufmerksam zu sein, was mir – im Außen und im Innern – begegnet. Der Herbst ist auch die Zeit des Erntens und Sammelns. Wenn wir die letzten Monate Revue passieren lassen – in welchen Momenten haben wir uns besonders verbunden gefühlt? Was füllt unseren Korb und was füllt unser Herz? Möge es eine reiche Ernte sein!

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Der Baum vor meinem Fenster. 2023

Vogelbeeren

Ist es dunkel oder hell
kalt oder warm
deine Worte spenden Licht spenden Schatten
wärmen und kühlen

In deine Worte hülle ich mich
spüre den Schmerz sich beruhigen
den Weg sich ebnen
deine Worte machen meine Flügel weit

Deine Worte sind wie
Vogelbeeren
reich an Vitaminen
lecker und leuchtend

So heiter sind deine Worte
dass ich gleite im Wind
über alles hinweg was mich
beschwert

So leicht sind deine Worte
flügelleicht