Vom Hören schreiben

Oft empfinde ich es als Fluch, dass ich meine Ohren nicht einfach so schließen kann wie meine Augen. Während ich dies schreibe, höre ich die Menschen in der Wohnung unter mir, wie sie durcheinanderreden und lachen und jemand beim Abendessenkochen den Kochlöffel auf den Topfrand schlägt – immer schlägt eine*r von ihnen den Kochlöffel auf den Topfrand in einem bestimmten Rhythmus, den ich inzwischen wiedererkenne. Oft empfinde ich es als Fluch, was meine Ohren alles hören.

Doch es gibt genauso Momente, da liebe ich, was meine Ohren alles hören, und da will ich unbedingt einfach nur hören. Ich vermute, dass es Musiker*innen so geht. Nachts geht es mir so, wenn ich die Stille hören will, und neulich ging es mir so, als ich unter einer kleinen Eiche stand, die noch ihr braunes, knitteriges Blätterkleid trug …

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Zwillingsmuschel. 2016

hörsinnlich

durch die Ohren
dringt das Draußen
in mich
auch durch die Haut
manchmal
an Tagen wie Transparentpapier
so dünn

wenn da Meisen in mich fliegen
freu ich mich
wenn da Stimmen sinnlos plappern
quäl ich mich

dieser Tage stehe ich unterm Eichenbaum
der noch wundersam voll mit
vertrocknetem Laub
der Wind bläst eine Melodie hinein
ich schließe die Augen
lausche
bin fern auf einmal

die Sonne wärmt mir die Nase
das papierene Blätterrauschen
nimmt mich mit
ganz Ohr bin ich –

ich kehre zurück
öffne die Augen
sehe das graue graue Wintergrau
doch höre höre noch
von Weitem
den Sonnenort
meine Nase kitzeln

Etwas vom Nichts

Das Jahr 2021 heißt uns willkommen. Was die Schlagzeilen betrifft, beginnt der Januar nicht viel anders, als der Dezember endete. Die Feiertage liegen hinter uns, doch wir sind weiter aufgerufen, uns lockdownflexibel und „häuslich“ zu zeigen. Die Kontakteinschränkungen verlangen uns einiges ab – manchem und mancher mag dabei die Decke auf den Kopf fallen und vielleicht macht sich eine gewisse Motivationslosigkeit breit.

Auch mir geht es zeitweise so. Und wenn ich da nun sitze vor einem leeren Blatt Papier und Kopf und Herz sich ebenso leer anfühlen, frage ich mich, ob da wirklich gar nichts zu mir spricht. Gern will ich dann doch diesem „Nichts“ näherkommen – zum Beispiel in dieser Form.

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Verwebungen. 2020

noch nicht reif

die Wörter wollen nicht kommen
sie bleiben im Innern
sie sind träge
wollen nicht geboren werden
lieber im Warmen und Verborgenen
noch ein wenig aushalten

sie wissen: einmal draußen,
stürmt das Leben auf sie ein
Kälte, Grelle womöglich, Gesehenwerden –
das erfordert Mut und Willen

heute werden die Worte nicht kommen
sie bleiben, wo sie sind
es ist ihnen nicht zu verdenken
an Tagen wie diesen

sammelt eure Kräfte
für eine andere Zeit
ihr werdet schon erwartet

(Er-)innerlich

Wieder einmal steht das Weihnachtsfest bevor – in diesem Pandemiejahr unter komplizierteren Bedingungen. Und diejenigen, die sich um das Fest nicht scheren, fühlen sich aktuell möglicherweise seltsam befreit – keine Weihnachtsmärkte, keine Glühweinbesinnungslosen! Das Jahresende naht, was vielen vermutlich einen Gott-sei-Dank!-Stoßseufzer entlockt. Wie haben wir dieses Jahr erlebt, was schließen wir aus den vergangenen zwölf Monaten – ist der Jahreswechsel 2020/2021 nurmehr eine blasse Erinnerung, als unsere (kleine) Welt scheinbar noch „in Ordnung“ war?

Wann wird ein Ereignis, eine Zeit zu einer Erinnerung? Was macht aus einem Geschehnis eine Erinnerung? Manchmal ist „Erinnerung“ ein späteres Qualitätsmerkmal für einen glücklichen Moment, den wir nicht vergessen haben, manchmal eher etwas Untotes, das uns verfolgt, das an uns klebt wie zähes Pech. Erinnerungen können uns freudig begegnen oder heimtückisch überfallen (je nachdem), wenn wir ahnungslos eine Straße entlanggehen und etwas riechen, hören oder sehen. Wie funktionieren Erinnerungen? Ein spannendes Feld, an das ich mich heute mit Text und Bild wieder einmal annähere.

 

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Bis auf Weiteres. 2018

Wenn ich groß bin …

Wenn ich groß bin
was fange ich an
mit den Erinnerungen?
Ich habe schon einen ganzen
Karton voll damit
bei jedem Umzug
kommt mir die
Kiste in die Quere

Wenn ich groß bin
mach ich was ich will
stell die Kiste an
die Straße zum Mitnehmen
wer fängt etwas an
mit fremden Erinnerungen?

Wenn ich groß bin
bin ich alt
dann reicht ein Karton
nicht mehr aus
doch ich will nicht anbauen müssen
nur wegen der Erinnerungen

Wenn ich alt bin
fliegen sie alle frei im Raum
wie Wellensittiche
manchmal setzen sie
sich auf meine Schulter
schnäbeln mit mir
manchmal kacken sie
auf die Schrankwand
lassen Federn

Wenn ich alt bin
bin ich dann nur Erinnerungen?
Reibe ich meine müden Knochen ein mit ihnen?
Sind sie meine Medizin – wie meine
Herztabletten?

Wann bin ich alt?

Neuauflage

Und täglich grüßt das Murmeltier … Da sind wir wieder im Mehr-oder-weniger-Lockdown. Wir sollen uns nicht versammeln, aber wir sollen zusammenhalten. Manche haben in diesen Wochen und Monaten Mühe, sich selbst zusammenzuhalten. Wie blinde Hühner picken wir nach einem Korn Zuversicht und Freude, finden auch mal eins, aber satt werden wir davon nicht.

Bietet diese Herausforderung eine Chance zur Selbst- und Welterkenntnis? Können wir etwas lernen und verstehen (über uns und überhaupt), was uns vorher nur undeutlich schwante? Falls wir uns auf diesem Weg dabei ertappen, öfter mit uns selbst zu sprechen – nun, dann sind wir hoffentlich in bester Gesellschaft!

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Goldmarie, entrückt. 2020

Selbstgespräch

Zu den Wänden reden
das feine Echo spüren
den widerhallenden Lufthauch
der eigenen Worte

sich selbst die Hand küssen
die eigene Zartheit schmecken

sich um sich selbst drehen
dabei den Kopf nicht verlieren

Löcher in die Luft starren
drei Silben hindurchatmen
in die neue Zeit der
Ungewissheit

wie fern die Nähe
wie nah die Ferne

Gewöhnungsbedürftig

Die Kastanien fallen, die Blätter langsam auch, Spekulatiuskrümel rieseln in den Tee. Wehmütig Abschied nehmen von der üppigen Gartenblüte und vom Spätsommer, sich wärmer anziehen und genügsamer werden, mehr Rückzug und immer einen Schirm dabeihaben – das verbindet sich uns mit den kommenden Wochen. Und dann die Zeitumstellung und die frühe Dunkelheit …

Wir werden uns gewöhnen an die neue Jahreszeit, wie wir uns in diesem Jahr schon an so vieles gewöhnt haben. Damit uns das besser gelingt, könnten wir noch ein wenig Farben sammeln, mit ihnen unsere Hoffnung füttern, Augen und Seele etwas Gutes tun. Farbe spielt, wen wundert’s, auch im heutigen lyrischen Text eine Rolle, zu dem mich das Gedicht „Ebereschen“ (1954) von Gottfried Benn (1886–1956) inspirierte.

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Tanzbeeren. 2019

Gemeinsam

Ebereschenrot
Herbstrot
Ankündigungsrot

den Übergang
das Fortschreiten der Zeit
den Abschied
das Wiedererkennen
ankündigen

letzte Beeren, letzte Farben
ich erkenne euch wieder
begrüße euch
ich schreite mit euch fort
gehe mit euch hinüber

ins Neue