Wehmütig

Auch wenn wir noch schöne Sonnentage erleben, kündigt sich der Herbst schon an. Wir wissen es ja, dass auf den Sommer der Herbst folgt, aber wollen es doch – wie jedes Jahr – nicht so recht wahrhaben, dass es tatsächlich schon wieder so weit ist. Solche Übergänge haben manchmal ihren besonderen Reiz, manchmal erfüllen sie uns mit Wehmut: Etwas geht zu Ende – und wir sind machtlos.

Auch wenn es Tag wird, erleben wir einen Übergang, den Wechsel von dunkel zu hell, von Traum zu „Realität“. Davon erzählt der heutige Text. Und er lässt noch einmal kurz ein bisschen Hochsommer aufblitzen. Wir schaffen das!

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Laubtransparenz. 2020

überGang

Mit jedem Schritt
öffnet sich der Tag
du taumelst noch
Nachtreste kleben an dir
halten dich zurück

Du verlangsamst deinen Gang
gratwandelst
wie viel Nacht darf noch sein
wie viel Tag muss schon sein

Das Mohnrot sticht dir ins Auge
hellwach bist du schlussendlich zwischen
den wilden Wiesenfarben

und der Tag entscheidet sich
für dich

Aussichten

Überschwemmungen, Waldbrände, Hitzewellen – all die Nachrichten der letzten Wochen zu diesen extremen Klimaereignissen können bei mir regelrechte Weltuntergangsfantasien auslösen. Kriegen wir diese globalen Entwicklungen noch eingefangen oder ist das der Anfang vom Ende? Und was heißt das dann eigentlich?

Trübsal bringt natürlich nicht weiter und Bangemachen gilt nicht. Zudem: Wer möchte schon schlechte Stimmung verbreiten? Ich habe noch keinen guten Weg gefunden, mit diesen sorgenvollen Aussichten umzugehen. Wenn es mir gelingt, ein paar Zeilen dazu zu schreiben, bin ich schon froh. – Save the earth!

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Festhalteversuch. Verzweifelt? 2020

Was da ist

Über den gleißenden Asphalt
rollt der Augenblick
bewegt sich schnell, ist schon vorbeigehuscht

Du sitzt mit leeren Händen
spuckst einen Kirschkern auf die Straße
damit da überhaupt was ist

Ein abgenagter Kern
auf grauem Asphalt –
die Luft flimmert

(Un-)Ordnung

Freundliche Sommertage laden dazu ein, in die Umgebung auszuschwärmen und zu schauen, was so grünt und blüht. Ich stelle fest, dass es immer häufiger Wildblumenwiesen(stückchen) zu entdecken gibt, die in ihrem bunten Durcheinander Erinnerungen wecken an ferne Zeiten, in denen solche Wiesen nicht erst angelegt werden mussten.

Dem gegenüber die gepflegten Gärten in stolzer Pracht. Mein Urbild der Idylle ist das Heraustreten aus meinem Haus am frühen Morgen hinein in meinen „Hortus conclusus“ mit einer Tasse Tee, Tau auf den nackten Füßen etc. Ich habe weder ein Haus noch einen Garten, wohl aber eine Tasse Tee, die mein Sinnieren unterstützt – mein Sinnieren über das Wilde und das Eingezäunte, das scheinbar Unförmige und das Geometrische, die Ordnung und die Un-Ordnung. Vielleicht ist heute ein Tag, einmal auf die Suche zu gehen nach diesen gegensätzlichen Erscheinungsformen, die doch einander bedingen: Was wäre die Ordnung ohne die Unordnung (und umgekehrt)?

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Wildwuchs. 2021

Münsterlandpartie

Entlang der Gartenwege
Ordentlicher Buchsbaum
Hier wird nicht aus der Reihe getanzt

Im Beet sorgsame Bepflanzung
Eines passt zum anderen
Das Auge will erfreut sein

Darin sich tummeln
Bienen, Ohrenkneifer, Schmetterlinge
In alphabetischer Reihenfolge

In der Nacht dann endlich zischen
Fledermäuse in jähem Flug
Scheren sich nicht um Farben und Formen

Kommen aus einer anderen Welt

Nächtlicherweile

Wir erleben gerade die ersten Hochsommertemperaturen im noch Frühling und nachts ist es fast so tropisch wie tagsüber. Möglicherweise macht uns das schlaflos. Sowieso scheint es, dass das Bedürfnis, die Nacht zum Tage zu machen, mancherorts recht ausgeprägt ist angesichts der Lockerungen zum herbeigesehnten Ende des Lockdowns.

Die Nacht ist thematisch ein weites Feld, „nächtlicherweile“ kann alles Mögliche passieren, Stilles und Lautes, Harmloses und Gefährliches, Enge und Weite. Übrigens kannte ich das Wort „nächtlicherweile“ bisher nicht. Nach Duden bedeutet es einfach „bei Nacht, in der Nacht, nachts“. Mit dem naheliegenden Pendant „täglicherweile“ kann der Duden allerdings nicht aufwarten. – Eine kleine Annäherung ans Nächtliche findet sich im heutigen poetischen Text, verbunden mit dem Wunsch, dass die Nacht uns immer wohlgesinnt sein möge.

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Flugverbindung. 2020

Unsichtbar

An bricht der Tag
bricht sich in die Dunkelheit
mehr ein heller Schleier
der über alles sich legt und
am Abend wie von Geisterhand
sich lüftet

Ins Dunkle mich finden
Nachtdiebin
mein schwarzer Mantel
macht mich unsichtbar
wie eine Fledermaus
durch die Lüfte husche
ich und ecke
niemals an

Permanente Veränderung

Zerrinnen uns die Tage zwischen den Fingern und gleicht nicht sowieso ein Tag zu sehr dem anderen in dieser seltsamen Zeit, in der auf kaum etwas Verlass ist und so viele seit Monaten nur auf Sicht fahren? Einige schwanken vielleicht immer wieder zwischen Sorge und Zuversicht, zweifeln, malen schwarz, sehen rot und entscheiden sich beim Optiker gegen die rosarote Brille, weil sie einfach nicht passen will.

Mitzuschwingen mit dem, was ist, ist meist kein leichtes Unterfangen. Sich nicht zu einseitig festzulegen, nicht nur der Sorge, auch der Zuversicht zu erlauben, mal auf einen Tee zu bleiben, das ist die Kunst. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, dass auf den Regen die Sonne folgt. Dennoch ist es ja manchmal so, dass wir einfach furchtbar nass werden und wie begossene Pudel vor einem Dilemma stehen, einem Scherbenhaufen, einem Problem ohne schnelle Lösung. Dann geht es vielleicht um ein Aushalten von Ungewissheit, Kummer, Schmerz, Einsamkeit – was auch immer unsere Freude lähmen mag. Sich daran zu erinnern, dass das Leben permanente Veränderung ist, kann in solchen Situationen tröstlich sein – oder die Untröstlichkeit noch steigern. So befinden wir uns wohl in einem andauernden Lern- und Bewusstwerdungsprozess, ob wir wollen oder nicht. Mir hilft es dann, ein paar Worte zu Papier zu bringen, um mich wieder handlungsfähiger zu fühlen …

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Die Form bannen. 2020

verzagen?

wie ein eiswürfel
schmilzt der tag
hinein ins vergessen

unmöglich den einen ort
die eine zeit festzuhalten
als mein herz
im takt schlug
mit der welt