Hilfslinien

Wie muss das Papier beschaffen sein, auf dem Sie am liebsten schreiben, ihr am liebsten schreibt: liniert, kariert, blanko oder gedottet? Wahrscheinlich kommt es darauf an … Bei mir kommt es darauf an, ob ich schreiben oder kritzeln will, ob ich frei arbeiten will oder ob ich „Hilfslinien“ brauche für ein vielleicht klareres, „ordentlicheres“ Schriftbild. Für die Morgenseiten nehme ich gern liniertes Papier, weil ich dann besser drauflosschreiben kann, ohne mich zu ärgern, dass ich mal wieder schief schreibe, die Zeilen einen leichten Drang nach rechts oben oder rechts unten haben – denn das Ärgern hemmt natürlich den Schreibfluss (sofern er gerade da ist).

Manchmal nerven mich die Linien aber auch, weil sie mir vorschreiben wollen, welche Größe meine Schrift haben soll – ja, ich gebe zu, dass ich mich von so etwas einschränken lasse. Nur manchmal finde ich es spannend, mich einzufügen, auszuprobieren, ob ich wirklich so klein oder so groß schreiben kann, ohne die Lust zu verlieren. „Variatio delectat“ heißt es im Lateinischen – Abwechslung erfreut. In diesem Sinne viel Erfreuliches!

Alternativer Bildtex

Immer geradeaus? 2021

Blitzeblanko

liniertes Papier
linierte Gedanken
Unter- und Überstriche
schnurgerade Begrenzungen

draußen der Laubsauger
macht dich kariert

Blankopapier
wünschst du dir da
unbedruckt unbegrenzt

ziehst eigene Linien eigene Kreise
malst eigene Kästchen

spielst mit Buchstaben, spielst mit Zahlen
spielst Himmel und Hölle
auf blitzeblank blattfreiem Blankoasphalt

Schnellschnell

Es ist eine Zeit, da herrscht bei mir mal wieder Termindruck, da kommt alles auf einmal. Das Wichtigste zuerst tun, heißt es, doch was ist das Wichtigste? Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, diese schöne Redewendung, und schon gar nicht weiß ich, wie (und wann) ich mal wieder zur Ruhe kommen soll.

Da ist es ein Akt des Willens, diese Turbulenz zu unterbrechen, und sei es nur für ein paar Minuten, um wieder etwas mehr „bei Sinnen“ zu sein, also – wenn wir das mal wörtlich nehmen – mit allen Sinnen gegenwärtig. Nicht mehr in den Tunnel zu blicken, sondern dran vorbei. Die Hände etwas anderes spüren zu lassen als das Plastik der PC-Tastatur und den Gaumen statt des achtlos Hineingestopften die eine kleine achtsame Rosine schmecken zu lassen. Und natürlich greife ich dann gern zum Stift und gebe mir die Freiheit, ohne Plan und Ziel zu schreiben und zu kritzeln – wenn auch kurz. Wobei: Der folgende „Momenttext“ hat schon etwas länger gedauert …

Alternativer Bildtex

Minutenglück. o. J.

Momentum

ein Nu
kaum da verschwunden

wie sie ein Blatt ihrer
Zimmerpflanze entstaubt

wieder atmen können

wie sie dem Holzelefanten auf der
Anrichte über den Rücken streicht

mit tastender Zärtlichkeit und
so auch das leere Heft öffnet

wieder atmen können

ein Nu
kaum da
vorbei

Wehmütig

Auch wenn wir noch schöne Sonnentage erleben, kündigt sich der Herbst schon an. Wir wissen es ja, dass auf den Sommer der Herbst folgt, aber wollen es doch – wie jedes Jahr – nicht so recht wahrhaben, dass es tatsächlich schon wieder so weit ist. Solche Übergänge haben manchmal ihren besonderen Reiz, manchmal erfüllen sie uns mit Wehmut: Etwas geht zu Ende – und wir sind machtlos.

Auch wenn es Tag wird, erleben wir einen Übergang, den Wechsel von dunkel zu hell, von Traum zu „Realität“. Davon erzählt der heutige Text. Und er lässt noch einmal kurz ein bisschen Hochsommer aufblitzen. Wir schaffen das!

Alternativer Bildtex

Laubtransparenz. 2020

überGang

Mit jedem Schritt
öffnet sich der Tag
du taumelst noch
Nachtreste kleben an dir
halten dich zurück

Du verlangsamst deinen Gang
gratwandelst
wie viel Nacht darf noch sein
wie viel Tag muss schon sein

Das Mohnrot sticht dir ins Auge
hellwach bist du schlussendlich zwischen
den wilden Wiesenfarben

und der Tag entscheidet sich
für dich

Aussichten

Überschwemmungen, Waldbrände, Hitzewellen – all die Nachrichten der letzten Wochen zu diesen extremen Klimaereignissen können bei mir regelrechte Weltuntergangsfantasien auslösen. Kriegen wir diese globalen Entwicklungen noch eingefangen oder ist das der Anfang vom Ende? Und was heißt das dann eigentlich?

Trübsal bringt natürlich nicht weiter und Bangemachen gilt nicht. Zudem: Wer möchte schon schlechte Stimmung verbreiten? Ich habe noch keinen guten Weg gefunden, mit diesen sorgenvollen Aussichten umzugehen. Wenn es mir gelingt, ein paar Zeilen dazu zu schreiben, bin ich schon froh. – Save the earth!

Alternativer Bildtex

Festhalteversuch. Verzweifelt? 2020

Was da ist

Über den gleißenden Asphalt
rollt der Augenblick
bewegt sich schnell, ist schon vorbeigehuscht

Du sitzt mit leeren Händen
spuckst einen Kirschkern auf die Straße
damit da überhaupt was ist

Ein abgenagter Kern
auf grauem Asphalt –
die Luft flimmert

(Un-)Ordnung

Freundliche Sommertage laden dazu ein, in die Umgebung auszuschwärmen und zu schauen, was so grünt und blüht. Ich stelle fest, dass es immer häufiger Wildblumenwiesen(stückchen) zu entdecken gibt, die in ihrem bunten Durcheinander Erinnerungen wecken an ferne Zeiten, in denen solche Wiesen nicht erst angelegt werden mussten.

Dem gegenüber die gepflegten Gärten in stolzer Pracht. Mein Urbild der Idylle ist das Heraustreten aus meinem Haus am frühen Morgen hinein in meinen „Hortus conclusus“ mit einer Tasse Tee, Tau auf den nackten Füßen etc. Ich habe weder ein Haus noch einen Garten, wohl aber eine Tasse Tee, die mein Sinnieren unterstützt – mein Sinnieren über das Wilde und das Eingezäunte, das scheinbar Unförmige und das Geometrische, die Ordnung und die Un-Ordnung. Vielleicht ist heute ein Tag, einmal auf die Suche zu gehen nach diesen gegensätzlichen Erscheinungsformen, die doch einander bedingen: Was wäre die Ordnung ohne die Unordnung (und umgekehrt)?

Alternativer Bildtex

Wildwuchs. 2021

Münsterlandpartie

Entlang der Gartenwege
Ordentlicher Buchsbaum
Hier wird nicht aus der Reihe getanzt

Im Beet sorgsame Bepflanzung
Eines passt zum anderen
Das Auge will erfreut sein

Darin sich tummeln
Bienen, Ohrenkneifer, Schmetterlinge
In alphabetischer Reihenfolge

In der Nacht dann endlich zischen
Fledermäuse in jähem Flug
Scheren sich nicht um Farben und Formen

Kommen aus einer anderen Welt