Ein zartes Knistern

Die ersten Wochen des neuen Jahres kommen mir mühselig vor – so oft ist es grau draußen und wird den ganzen Tag gar nicht richtig hell. Da ist schon viel guter Wille gefragt, um bei Laune zu bleiben. Wie erfreulich, dass es Farben gibt. Ich kaufe Narzissen mit noch geschlossenen Knospen auf dem Markt (Osterglocken im Februar?), und wenn ich ganz still bin, kann ich das Knistern hören, wenn die Blüten sich aus der sie umgebenden Haut pressen. Das zum Vorschein kommende Gelb macht mich froh.

Ich würde mich auch gern häuten, denke ich dann, mich aus der zu eng gewordenen Haut schälen hinein in eine neue Weite. Immer wieder gibt es Phasen in meinem Leben, die mir dieses Bild des Häutens nahelegen, weil mir „nichts“ richtig erscheint und ich mal wieder so ganz grundsätzlich ratlos bin. – Welche Farben wohl zum Vorschein kommen, streife ich das Alte ab?

Alternativer Bildtex

o. T.

Wünsch dir was

Hinter der Neubauruine
schwankt die Baumgruppe
im Sturm die
kahlen Äste schunkeln
Regenpeitschen knallen

Ich hülle mich ins Grau
und male meine Socken
himmelblau

Beginnen und weiter

Diese Woche spazierte ich morgens über den Zentralfriedhof und begegnete unvermittelt einem kleinen Trauerzug. Für manche beginnt dieses neue Jahr mit einer Beerdigung, dachte ich. Ist das für sie nun ein schlechtes Omen? Wir haben Festtage hinter uns, an denen wir uns auf allen erdenklichen Kanälen in allen erdenklichen Variationen alles erdenklich Gute wünschten – und ich stelle mir vor, das neue Jahre gerät dabei langsam unter Druck, dass es nun auch bitte schön ein gutes, besseres, gesundes, gesegnetes werden und sein soll, das Hoffnungen weckt und Wünsche erfüllt. Dabei macht das Leben ja letztlich doch, was es will, und wir stehen dem oft ängstlich und machtlos gegenüber.

Aber vielleicht lässt das neue Jahr all diese Begehrlichkeiten auch an sich abperlen und schaut gelassen von Tag zu Tag, „was so geht“. Irgendwann ist es dann nicht mehr neu und kann mehr oder weniger unbemerkt vergehen, bis es kurz vor seinem Ende in verschiedensten Rückblicken doch noch mal zeigen muss, was es gebracht hat. – Also nur Mut: Schritt für Schritt hinein ins Neue (das ja manchmal auch das Alte ist) und dabei das Atmen nicht vergessen!

Alternativer Bildtex

Rechts, links, geradeaus?

dem neuen jahr ist das neue jahr egal

totengräber an einem aquarellgrauen
januarmorgen
die erde ist nicht gefroren
sie lässt mit sich machen
lässt sich erst ausheben
dann wieder zurückschaufeln
mit tränen getränkt

totengräber im januarmorgengrauen
immerhin regnet es nicht

Wortmüdigkeit

Wie die Natur sich zurückzieht, mögen auch wir uns zurückziehen in dieser gerade so unwirtlichen Herbst- und Winterzeit. Und wenn wir dann mehr oder weniger müßig Innenschau halten, spricht etwas zu uns? Finden wir die passenden Wörter, uns auszudrücken? Es gibt Situationen, da herrscht das Schweigen im Walde. Ich sitze vor einem leeren Blatt Papier – doch es kommt nichts aus mir heraus. Schreibgeschulte wissen, dass sie dann am besten genau darüber schreiben: dass da nichts kommt, dass da gerade Ebbe herrscht im Wortmeer – und schon spüren sie die Flut wieder steigen, haben sich selbst überlistet, die Assoziationskette hat endlich ihren Anfang gefunden und sie können ihr vertrauensvoll und neugierig folgen.

Manchmal mag es aber auch helfen, die Situation so zu nehmen, wie sie ist – die Ebbe auszuhalten, das leere Blatt ein leeres Blatt sein zu lassen und lieber einen wintermanteligen Spaziergang zu machen. Dann haben die Wörter noch ein bisschen Pause, bis sie irgendwann sich entschließen, zu Worten zu werden, die aus uns herauskommen, sprechender- oder schreibenderweise. So dürfen wir sie wieder üben – die Geduld.

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Auf Worte warten. o. J.

ich spreche nicht

ich spreche nicht
die wörter in mir ruhen noch
sie sind müde heute morgen
wie kleine schulkinder
die nicht aufstehen mögen
denn es ist kalt draußen und nieselt
und in der ersten stunde mathematik

ich spreche nicht
ich bin die mutter meiner wörter
ich lasse sie schlafen
noch ein bisschen
und schreibe ihnen derweil
eine entschuldigung

 

Hilfslinien

Wie muss das Papier beschaffen sein, auf dem Sie am liebsten schreiben, ihr am liebsten schreibt: liniert, kariert, blanko oder gedottet? Wahrscheinlich kommt es darauf an … Bei mir kommt es darauf an, ob ich schreiben oder kritzeln will, ob ich frei arbeiten will oder ob ich „Hilfslinien“ brauche für ein vielleicht klareres, „ordentlicheres“ Schriftbild. Für die Morgenseiten nehme ich gern liniertes Papier, weil ich dann besser drauflosschreiben kann, ohne mich zu ärgern, dass ich mal wieder schief schreibe, die Zeilen einen leichten Drang nach rechts oben oder rechts unten haben – denn das Ärgern hemmt natürlich den Schreibfluss (sofern er gerade da ist).

Manchmal nerven mich die Linien aber auch, weil sie mir vorschreiben wollen, welche Größe meine Schrift haben soll – ja, ich gebe zu, dass ich mich von so etwas einschränken lasse. Nur manchmal finde ich es spannend, mich einzufügen, auszuprobieren, ob ich wirklich so klein oder so groß schreiben kann, ohne die Lust zu verlieren. „Variatio delectat“ heißt es im Lateinischen – Abwechslung erfreut. In diesem Sinne viel Erfreuliches!

Alternativer Bildtex

Immer geradeaus? 2021

Blitzeblanko

liniertes Papier
linierte Gedanken
Unter- und Überstriche
schnurgerade Begrenzungen

draußen der Laubsauger
macht dich kariert

Blankopapier
wünschst du dir da
unbedruckt unbegrenzt

ziehst eigene Linien eigene Kreise
malst eigene Kästchen

spielst mit Buchstaben, spielst mit Zahlen
spielst Himmel und Hölle
auf blitzeblank blattfreiem Blankoasphalt

Schnellschnell

Es ist eine Zeit, da herrscht bei mir mal wieder Termindruck, da kommt alles auf einmal. Das Wichtigste zuerst tun, heißt es, doch was ist das Wichtigste? Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, diese schöne Redewendung, und schon gar nicht weiß ich, wie (und wann) ich mal wieder zur Ruhe kommen soll.

Da ist es ein Akt des Willens, diese Turbulenz zu unterbrechen, und sei es nur für ein paar Minuten, um wieder etwas mehr „bei Sinnen“ zu sein, also – wenn wir das mal wörtlich nehmen – mit allen Sinnen gegenwärtig. Nicht mehr in den Tunnel zu blicken, sondern dran vorbei. Die Hände etwas anderes spüren zu lassen als das Plastik der PC-Tastatur und den Gaumen statt des achtlos Hineingestopften die eine kleine achtsame Rosine schmecken zu lassen. Und natürlich greife ich dann gern zum Stift und gebe mir die Freiheit, ohne Plan und Ziel zu schreiben und zu kritzeln – wenn auch kurz. Wobei: Der folgende „Momenttext“ hat schon etwas länger gedauert …

Alternativer Bildtex

Minutenglück. o. J.

Momentum

ein Nu
kaum da verschwunden

wie sie ein Blatt ihrer
Zimmerpflanze entstaubt

wieder atmen können

wie sie dem Holzelefanten auf der
Anrichte über den Rücken streicht

mit tastender Zärtlichkeit und
so auch das leere Heft öffnet

wieder atmen können

ein Nu
kaum da
vorbei