Etwas langsamer

Es ist Sommer, es ist warm, mancherorts haben die Schulferien begonnen, und von den Katastrophen abgesehen, kann das Leben ein bisschen langsamer laufen. An manchen Morgenden verweile ich vor allem anderen erst einmal etwas im Botanischen Garten, wo die Gärtner*innen zeigen, was sie können, und die Pflanzen dankbar in voller Pracht stehen. Das Besinnen aufs Schauen und Hören und Riechen zähmt meine wirren Gedanken, der Atem wird ruhiger und das Herz auch.

Je unsicherer und verworrener die Zeiten, desto mehr scheint die Hinwendung zum Hier und Jetzt ein Mittel der Wahl zu sein. Aber ist das dann nicht eine Form von Eskapismus, Cocooning, verschließe ich die Augen vor der Realität – oder hilft es, nicht die Nerven zu verlieren? Das Blässhuhn auf dem Teich voller Entengrütze ist genauso wirklich wie die Tatsache, dass sich im selben Moment andernorts Menschen die Köpfe einschlagen. Ich kriege das nicht immer gut zusammen und dann hilft mir der alte Goethe-Satz: Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen. Also schreibe ich ein paar Wörter und mache ein paar Fotos zum Beweis sozusagen: hier und jetzt.

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Mondviole, sonnenbeschienen.

Im Moment

Was da jetzt gerade ist
das Kind das ruft
der Bus der kommt
der Mohn der sich wiegt
im sommerigen Wind

Menschen gehen Verrichtungen nach

Flügelschlag einer Taube
ihr nerviges Gurren
warten auf einen Gedanken
der Niederschrift würdig
in der Ferne ein Flugzeug

Ist da was, was bleibt?
Zellinformation

 

Nichts Genaues

Für den heutigen Beitrag durchforstete ich mein Archiv nach einem eigenen Text, an dem ich nicht gleich wieder etwas herumzumäkeln habe, von dem ich sagen kann: „Aha, interessant!“ Meist versehe ich meine Texte mit dem Datum – und so kann ich beim „zufälligen“ Wiederfinden innerlich auf Entdeckungs- oder Erinnerungsreise gehen, was das wohl für eine Situation gewesen sein mag, was mich wohl inspiriert oder umgetrieben haben mag vor, während und nach dem Schreiben.

Der heutige Text behandelt das Thema „Nacht“ nach dem Motto „Nichts Genaues weiß man nicht“, und die kleine Malerei dazu mag sagen: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Die Nuancen wahrzunehmen, die – noch so kleinen – Möglichkeiten neben der vermeintlichen Gewissheit ist so lehrreich und für mich doch oft eine echte Aufgabe, wenn ich mal wieder auf die trübere Seite abgedriftet bin. Versuchen wir also offen zu bleiben (oder zu werden) für die Mannigfaltigkeiten des Lebens!

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Gewiss / ungewiss

Die Nacht

Die Nacht
ein Raum für allerhand
Angst schürend und lösend
mancherorts grell
mancherorts tiefschwarz
schattenlos

Die Nacht
ein Tier
gefährlich mancherorts
warmweich mancherorts
entfesselt fließend

Die Nacht
ersehnt mancherorts gefürchtet
zu groß der Raum
für verlässliche
Aussagen

Einfluss-Reich

Was reizt mich an meinem heutigen poetischen Text, warum habe ich ihn ausgesucht? Ich kreiere beim Schreiben gern surreale Bilder. Denn da kann ich die Welt und mich von jetzt auf gleich in alles Mögliche verwandeln, kann fliegen und in Calendulablüten schlafen – und ich kann die heutige Protagonistin, die Frau im Mond, Licht trinken lassen, sie selbst zum Mond werden lassen. Das muss doch schön sein, diese Helle in sich aufzunehmen und dann innen warm und freundlich zu strahlen und die eigenen dunklen Seiten etwas auszuleuchten, die dabei vielleicht von ihrem Schrecken verlieren, weil sie „bei Lichte betrachtet“ gar nicht so gruselig sind, sondern nur nervtötend über die Jahre.

So heißt schreiben für mich auch träumen und wünschen, mich in fremde Welten wagen und der Neugier folgen. Ähnlich ist es beim Malen, Zeichnen, Collagieren: Was entsteht? Wohin führt mich der Strich, das Muster, der ausgestanzte Kreis in der goldfarbenen Pappe? Ich kann etwas entstehen lassen, ich habe Einfluss – dieses Gefühl und dieses Wissen sind auch „Gold wert“ in einer Zeit, in der die Ohnmacht zu häufig überhandnimmt.

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Formgebung, gar glänzend.

Die Frau im Mond

Regentropfen fallen plinkend
auf den Gartentisch und in ihren Tee
die Tasse steht noch von letzter Nacht

Es war so still gewesen und so schwarz
der Mond hatte sich auf der Oberfläche gespiegelt
und sie hatte sein Licht getrunken

Nun schwebt sie rund und unsichtbar
zwischen den Mittagswolken
und wartet auf die kommende Dunkelheit

 

 

 

Meldungen aus dem Schneckenhaus

In diesen – nach meinem Empfinden – zähen und verunsichernden Tagen und Wochen mit lauter nicht inspirierenden Schreckensmeldungen verspüre ich ein eindeutiges Bedürfnis nach Rückzug, und da kommt mir der Begriff des Schneckenhauses gerade recht. Wenn die Schnecke im Haus ist, ist das Haus voll. Möchte sie länger dort bleiben, verklebt sie den Eingang sogar. Das ist eine ziemlich eindeutige Ansage. Doch woher sollen noch zündende Ideen kommen, wenn da gar kein Platz ist, dass sich was bewegt?

Wie also aus der Starre wieder herausfinden? Mit Geduld (oje) oder mit Aushalten vielleicht, im Sinne von: Ich bleib jetzt einfach mal, wo ich bin. So lange, bis sich ein Impuls in mir regt, etwas anderes zu tun. – Ich weiß nicht, wie lange Schnecken so im Schnitt in ihrem Haus verweilen beim Überwintern und überhaupt. Aber irgendwann kommen sie ja wieder hervor – und dann haben sie wahrscheinlich Hunger. Hunger nach Leben …

PS: Wer sich weiter mit dem Tun und Nichttun von Schnecken beschäftigen möchte, dem*der empfehle ich das feine Büchlein „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ von Elisabeth Tova Bailey. Es enthält zudem einige wunderbare Schnecken-Haikus.

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Herzstromhieroglyphen

Kurz nach Sonnenaufgang

Blau im Beet
auch Gelb
und erdiges Braunschwarz
es riecht feucht und tief

Über allem spinnen
Vogellaute ein Netz
Frage und Antwort
Ruf und Wider-Ruf

Darunter gehst du
die frühe Sonne wärmt
nur unzureichend deine
klammen Hände

Die Zeit setzt dir zu
deine Herzhaut so rau wie Schmirgelpapier
schafft es nicht glatt zu schmirgeln
was eckig sich stößt platzt und blutet

Blau im Beet und Gelb
Rot im Adergeflecht
das pumpt und pulst und
nichts weiter will als

leben

Auf los gehts los

Ratlos, sprachlos, trostlos, orientierungslos, kraftlos, mutlos, lieblos – alles Mögliche können wir „los“ sein. Ich finde, die Welt sollte despotenlos sein, ich glaube, es ginge ihr besser. Und mir ginge es auch besser in diesen Tagen. Täte mir ein spielerischer Umgang mit Sprache gut, wenn ich mich gleichzeitig als so sprachlos empfinde angesichts der „globalen Entwicklungen“?

Wenn ich dann stöbere in meinem Gehirnkasten nach Wörtern mit …los, dann spüre ich die Lebensgeister schon wieder ein bisschen mehr bei dieser Stöberei und will der Sprache Sprache entlocken, Sinnhaftes und Unsinnhaftes, will mit Sprache zeichnen und lande dabei vielleicht auf irgendeinem grünen Zweig. Da sitzend, wird aus mir ein munterer Vogel – und ich fliege einfach auf und davon, entfleuche dem Ratlosen und Trostlosen. Es braucht nur ein -t-, um aus dem Losen einen Lotsen zu machen, und dann könnte ich aus dem Ausweglosen einen Ausweglotsen machen und die Welt wäre auf einmal nur noch halb so mut- und orientierungslos!

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Asphaltmalerei, fast farblos.

Ich?

Ich bin der Raum zwischen den Zeilen
ich bin der Weg der Buchstaben
ich bin das Rauschen der Bedeutungen
das Quirlen im Fluss der Bilder

Ich bin Sinn und Un-Sinn
ich bin die Pause im Denken
die Leere des Gesagten und
der Lärm des Nichtgesagten

Ich bin der Raum zwischen Alpha und Omega
ich bin der Ausatem nach dem allerletzten Wort

Ich bin
wenn kein
Wort
mehr …
… ist