Chaos und Ordnung

Wir befinden uns mal wieder in einem spürbaren Übergang, der Herbst kündigt sich an. Alles schön der Reihe nach: Auf Sommer folgt Herbst, auf Sonne folgt Regen. Und doch scheint die Welt in den letzten Monaten und inzwischen Jahren irgendwie aus den Fugen geraten zu sein, sich in einem viel größeren Übergang zu befinden, und wir strengen uns mächtig an, damit zurechtzukommen. Wir brauchen Struktur(en), um uns sicher zu fühlen – und nun müssen wir uns dauernd damit auseinandersetzen, dass diese Strukturen bröckeln und „nichts“ sicher ist.

Das kann eine Chance sein, wir können lernen, uns „lockerzumachen“, weil wir sowieso nicht wissen, was kommt. Wir erfahren aber auch deutlicher – so geht es mir zumindest –, wie es gärt unter der Oberfläche, wie furchtbar der Mensch sich verhalten kann, wenn ihm Macht, Überlegenheit und Besserwisserei am Herzen liegen. Manchmal ist es nur ein schmaler Grat zwischen Ordnung und Chaos und gerade liegen „nur“ zwei Grad zwischen Leben und Sterben. Was für Menschen wollen wir sein?

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In der / Aus der Reihe tanzen.

Mensch?

Mensch sein

nicht Tier
nicht Blume
nicht Baum

Mensch sein

nicht Haus
nicht Bretterbude
Unterschlupf evtl.
für jemanden

Mensch sein

Katastrophe sein
Krieger
Vernichtung sein

Mensch sein

gebären töten
säen verdorren lassen
hassen

Mensch sein

nicht genug bekommen
im Überfluss haben
geben wegnehmen

Mensch sein

verstehen wollen
doch nicht verstehen

ratlos Mensch sein

Verwunde(r)t

Gibt es Menschen ohne – innere – Wunden? Vermutlich bedeutet zu leben auch, verletzt zu werden (und andere zu verletzen). Wie gehen wir mit diesen Verletzungen um? Manche Wunden scheinen so tief, dass sie nicht recht heilen wollen, jahrzehntelang nicht, vielleicht nie – oder wir wissen nicht, wie wir es anstellen sollen.

Da wäre doch ein Ritual schön, wie es mir gerade vorschwebt. So eine Art Handauflegen, bei dem die Energien in die tiefsten Tiefen fließen und sich wie Balsam um die verwundeten Stellen legen, die auf wundersame Weise immer kleiner werden. Und darauf folgte ein großes Ausatmen, eine neu gewonnene Freiheit. – Die Sonnenblumen in der Vase hier auf dem Tisch lassen etwas die Köpfe hängen, als wären sie ob dieses Themas traurig geworden. Dabei sind sie es selbst, die mit ihrem kraftvollen Gelb und Braun und ihren rauen Blättern uns in einer natürlichen Offenheit anlachen und Mut machen, wie sie zu strahlen. Versuchen wir es!

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Herzlich durchlässig.

heilsam

die alten wunden
beweinen, besingen,
besprechen

so gesehen worden
beginnen sie die auflösung
während mauersegler
ein letztes mal über sie
hinwegstieben in lauten
klagerufen

den rest frisst die katze

Etwas langsamer

Es ist Sommer, es ist warm, mancherorts haben die Schulferien begonnen, und von den Katastrophen abgesehen, kann das Leben ein bisschen langsamer laufen. An manchen Morgenden verweile ich vor allem anderen erst einmal etwas im Botanischen Garten, wo die Gärtner*innen zeigen, was sie können, und die Pflanzen dankbar in voller Pracht stehen. Das Besinnen aufs Schauen und Hören und Riechen zähmt meine wirren Gedanken, der Atem wird ruhiger und das Herz auch.

Je unsicherer und verworrener die Zeiten, desto mehr scheint die Hinwendung zum Hier und Jetzt ein Mittel der Wahl zu sein. Aber ist das dann nicht eine Form von Eskapismus, Cocooning, verschließe ich die Augen vor der Realität – oder hilft es, nicht die Nerven zu verlieren? Das Blässhuhn auf dem Teich voller Entengrütze ist genauso wirklich wie die Tatsache, dass sich im selben Moment andernorts Menschen die Köpfe einschlagen. Ich kriege das nicht immer gut zusammen und dann hilft mir der alte Goethe-Satz: Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen. Also schreibe ich ein paar Wörter und mache ein paar Fotos zum Beweis sozusagen: hier und jetzt.

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Mondviole, sonnenbeschienen.

Im Moment

Was da jetzt gerade ist
das Kind das ruft
der Bus der kommt
der Mohn der sich wiegt
im sommerigen Wind

Menschen gehen Verrichtungen nach

Flügelschlag einer Taube
ihr nerviges Gurren
warten auf einen Gedanken
der Niederschrift würdig
in der Ferne ein Flugzeug

Ist da was, was bleibt?
Zellinformation

 

Nichts Genaues

Für den heutigen Beitrag durchforstete ich mein Archiv nach einem eigenen Text, an dem ich nicht gleich wieder etwas herumzumäkeln habe, von dem ich sagen kann: „Aha, interessant!“ Meist versehe ich meine Texte mit dem Datum – und so kann ich beim „zufälligen“ Wiederfinden innerlich auf Entdeckungs- oder Erinnerungsreise gehen, was das wohl für eine Situation gewesen sein mag, was mich wohl inspiriert oder umgetrieben haben mag vor, während und nach dem Schreiben.

Der heutige Text behandelt das Thema „Nacht“ nach dem Motto „Nichts Genaues weiß man nicht“, und die kleine Malerei dazu mag sagen: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Die Nuancen wahrzunehmen, die – noch so kleinen – Möglichkeiten neben der vermeintlichen Gewissheit ist so lehrreich und für mich doch oft eine echte Aufgabe, wenn ich mal wieder auf die trübere Seite abgedriftet bin. Versuchen wir also offen zu bleiben (oder zu werden) für die Mannigfaltigkeiten des Lebens!

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Gewiss / ungewiss

Die Nacht

Die Nacht
ein Raum für allerhand
Angst schürend und lösend
mancherorts grell
mancherorts tiefschwarz
schattenlos

Die Nacht
ein Tier
gefährlich mancherorts
warmweich mancherorts
entfesselt fließend

Die Nacht
ersehnt mancherorts gefürchtet
zu groß der Raum
für verlässliche
Aussagen

Einfluss-Reich

Was reizt mich an meinem heutigen poetischen Text, warum habe ich ihn ausgesucht? Ich kreiere beim Schreiben gern surreale Bilder. Denn da kann ich die Welt und mich von jetzt auf gleich in alles Mögliche verwandeln, kann fliegen und in Calendulablüten schlafen – und ich kann die heutige Protagonistin, die Frau im Mond, Licht trinken lassen, sie selbst zum Mond werden lassen. Das muss doch schön sein, diese Helle in sich aufzunehmen und dann innen warm und freundlich zu strahlen und die eigenen dunklen Seiten etwas auszuleuchten, die dabei vielleicht von ihrem Schrecken verlieren, weil sie „bei Lichte betrachtet“ gar nicht so gruselig sind, sondern nur nervtötend über die Jahre.

So heißt schreiben für mich auch träumen und wünschen, mich in fremde Welten wagen und der Neugier folgen. Ähnlich ist es beim Malen, Zeichnen, Collagieren: Was entsteht? Wohin führt mich der Strich, das Muster, der ausgestanzte Kreis in der goldfarbenen Pappe? Ich kann etwas entstehen lassen, ich habe Einfluss – dieses Gefühl und dieses Wissen sind auch „Gold wert“ in einer Zeit, in der die Ohnmacht zu häufig überhandnimmt.

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Formgebung, gar glänzend.

Die Frau im Mond

Regentropfen fallen plinkend
auf den Gartentisch und in ihren Tee
die Tasse steht noch von letzter Nacht

Es war so still gewesen und so schwarz
der Mond hatte sich auf der Oberfläche gespiegelt
und sie hatte sein Licht getrunken

Nun schwebt sie rund und unsichtbar
zwischen den Mittagswolken
und wartet auf die kommende Dunkelheit